Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2005
Klettergruppe

Eisklettern in Schottland 2005

mit Günter Gersdorf, Martin Supplie, Matthias Körner und Volker Hille
Mein schönstes Ferienerlebnis

Die Träumerei von eisigen Wänden, gefrorenen Bärten und langen und schwierigen Seillängen begann schon im Sommer. Wann wird es denn endlich Winter. Bald stand fest, dass wir in diesem Winter nach Schottland fliegen und uns die Arme an den Hängen des Ben Nevis lang ziehen wollten. Trotz langem Planungszeitraum kam der Start dann doch sehr spontan und von den Sechs, die wir eigentlich sein wollten, blieben nur noch Vier übrig. Zwei Seilschaften, zwei Flugschaften. Unsere Anreise verlief getrennt, während Matthias und Günter einen Tag später mit dem größten deutschen Flugunternehmen von Hannover aus starteten, ließen Martin und ich uns einen Tag zuvor nach Frankfurt Hahn bringen, von wo aus wir am Abend starteten. Der Flug war sehr günstig, doch mit den 20kg Übergepäck stellte sich die britische Fluglinie sehr schwer an und trotz, dass wir noch ein drittes Flugticket hatten, welches von uns nicht genutzt wurde, ließ sich die gut Frau hinter dem Schalter nicht erweichen. 140€ kostete uns der Spaß.

Etwas missmutig kamen wir in der Nacht in Glasgow an. Wir suchten uns ein etwas dunkleres Eckchen in der Raucherzone des Flughafengebäudes, wo die Bänke gut gepolstert waren. Hier ließen wir uns nieder. Relativ gut erholt erwachten wir am nächsten Morgen und machten uns auf den Weg nach Fort William, dem abgesprochen Treffpunkt unserer beiden Flugschaften.

Anstehen am Abstieg zum Einstieg
Anstehen am Abstieg zum Einstieg
Foto: G. Gersdorf

Am Abend trafen wir dann in einem Pub aufeinander. Nach einem Test der örtlichen Biersorten, verbrachten wir die erste Nacht in einem Backpacker´s. Erschreckend früh wachte Matthias am nächsten Morgen auf und statt weiter zu schlafen, weckte er uns. Noch etwas verschlafen machten wir uns auf den Weg nach Aonach Mor. Nach dem Fahren mit dem Sessellift hieß es erst einmal anstellen für uns. Denn zu meinem Verwundern waren hier sehr viele Eiskletterer unterwegs und es gab nur einen Abstieg zu den Routen. Eine junge Frau, die sich nicht so recht traute, hielt den Verkehr an der Wächte auf und verschaffte uns somit einige kalte Minuten im schottischen Wind.

Endlich unten an den Routen angekommen, spalteten wir uns wieder auf und während Matthias und Günter in “Typhoon (IV,4), Central Buttress, Coire an Lochain” einstiegen, versuchten Martin und ich uns an der “Left Twin (III,3) Central Buttress, Coire an Lochain”. So schnell, wie Martin die Eisschrauben in die Wand drehte und den Vorstieg voran trieb, so schnell hatten wir auch die britische Seilschaft über uns eingeholt. Erschreckender Standbau und unsicheres Klettern der beiden Briten ließen Martin und mich schon das ein oder andere Mal schlucken. Über eine Stunde standen wir nun unter dem Stand der Briten.

The Curtain, 1. Sl
The Curtain, 1. SL
Foto: G. Gersdorf

Das ungewohnte Stehen, nur auf den Frontzacken der Steigeisen ließ unsere Kräfte schwinden und die Schmerzen in Waden- und Schienenbeinen stark ansteigen. Doch in den, in das dünne Eis gebauten Stand wollte sich keiner von uns Beiden so richtig setzen. Irgendwann war es dann so weit und mit zwei weiteren Seillängen erreichten wir schließlich den Gipfel. Dort trafen wir Matthias und Günter wieder, die gerade auf eine Seilschaft warteten, die sie mit zwei Eisschrauben beworfen hatten und nun hofften, dass sie ihre Eisschrauben wieder zurückbekommen würden. Als wir wieder am Auto waren, verschwendeten wir noch keinen Gedanken ans Ausruhen. Nun ging es, nach kurzer Fahrt drei Stunden mit vollem Gepäck und Verpflegung für eine Woche, weiter zu einer Hütte des Schottischen Mounteneering Club. Diese Hütte, die die alpinistische Lager in zwei Gruppen spaltete (die um die Hütte herum und die in ihr drin), stand direkt am Fuße des Ben Nevis und war somit der perfekt Ausgangspunkt für die schönsten Eisklettereien.

The Curtain, 2. SL
The Curtain, 2. SL
Foto: G. Gersdorf

Früh am nächsten Tag ging es wieder los. Die Schmerzen, die wir gestern beim Warten an der Wand erlitten haben, machten sich in unseren Beinen wieder bemerkbar, als wir uns auf den Weg machten The Curtain (IV,5), Carn Dearn Buttress, Carn Dearn zu klettern. Kaum angekommen, war Matthias schon eingebunden und dabei die erste Seillänge zu klettern. Diese lag schnell hinter ihm und er errichtete an einer kleinen Höhle den ersten Stand. Einige Kommandos ertönten, eine kurze Diskussion entfachte und kurz darauf stand fest, Martin und Günter würden gleichzeitig nachsteigen, das zweite Paar Halbseile mitnehmen und mich an diesen dann nachsteigen lassen. Der Plan sah vor, dass wir uns erst nach dem ersten Stand aufteilen und von da aus getrennte Wege gehen würden. Als ich gerade damit beschäftigt war, mich für den bevorstehenden Nachstieg vorzubereiten, schepperte es laut und der Gürtel, an dem Martin seine Eisschrauben befestigt hatte, rauschte mit diesen an mir vorbei und kam erst ein gutes Stück weiter unter mir zum erliegen. Als ich Martins Geste an der Wand sah, war mir klar, dass für uns beide der heutige Klettertag vorüber war. Die Schrauben einzusammeln und abzusteigen kam mir eigentlich ganz entgegen, denn der Muskelkater in meinen Beinen wollte schon gleich nach dem Aufstehen einen Ruhetag einlegen. Günter und Matthias aber kletterten die Wand und wir empfingen sie in der Hütte mit einem ordentlichen Essen.

Zero Gully, 2. SL
Zero Gully, 2. SL
Foto: G. Gersdorf

Gut erholt ging es am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück wieder los. Günter und Matthias stiegen in Zero Gully (V,4), The Orion Face, Observatory Gully ein und Martin und ich machten uns auf den Weg “Good Friday Climb (II,3)” zu besteigen. Aber schon der Einstieg in diese Route war ein Abenteuer. Wir legten, eigentlich schon lange von Nöten, die Steigeisen erst sehr spät an und kletterten ohne Seil Richtung Einstieg. Nachdem wir mit dem Spuren getauscht hatten und ich nun vorweg ging, wurde das Gelände zunehmend steiler. Wir querten gerade ein Schneebrett, als mein Blick nach unten schweifte und mich erschaudern lies. Dieses relativ lose Schneebrett war ungefähr 10m lang, hatte eine etwa 50m lange zu querende Breite und eine Steigung von ca. 50Grad und darunter…..mindestens 60m freien Fall. Ich bekam Angst. Martin erkannte meinen Blick sehr schnell und rief mir zu, ob wir uns anseilen wollen. Doch ich sah, dass er noch nicht einmal seinen Gurt angelegt hatte und dass dies an dieser Stelle wohl noch viel gefährlicher sein würde, als ein beherztes weiterklettern. Also winkte ich ab, und stapfte weiter. Unter Ausscheiden eines Jahresvorrates an Adrenalin erreichten wir unbeschadet den Einstieg. Dort erinnert mich Martin an die Worte von Günter, der da sagte: ”Die meisten Braunschweiger Alpinisten sch..... sich schon beim Einstieg in die Routen in die Hose”. Er hatte Recht.

Martin stieg vor und nach 5 Seillängen erreichten wir den Gipfel. Zum Glück klarte es oben auf und ließ uns einen wunderschönen Blick über die schottischen Highlands erhaschen und viel wichtiger, es ließ uns den Weg zum Gully 4 finden. welcher für den Abstieg vorgesehen war. Glücklich, die schöne Kletterei hinter mir gelassen zu haben, kehrten wir wieder zurück zur Hütte, wo wir auf Matthias und Günter trafen.

Eastern Traverse, Tower Ridge
Eastern Traverse, Tower Ridge
Foto: G. Gersdorf

An diesem Tag gab es Schafsinnereien zum Abendbrot, eine schottische Spezialität. Hungrig von dem anstrengenden Tag, aßen wir unter den erstaunten Augen unserer britischen Mitbewohner, Heggis und Reis in den Mengen, wie es wohl sonst nur eine Großfamilie verdrücken würde. Es war eine unruhige Nacht, denn Martin hustete häufig. Als er uns dann am nächsten Morgen sagte, dass er wohl krank sei und erstmal nicht mitklettern würde, kam dies für uns nicht überraschend. Martin blieb also zurück und wir machten uns nun als Dreier-Seilschaft auf den Weg.

Günter wollte heute nun “Italien Right-Hand (IV,4)” vorsteigen, die er es sich wohl schon im letzten Jahr vorgenommen hatte. Wir waren einverstanden und folgten ihm. Seillänge um Seillänge stieg Günter vor, während Matthias und ich uns im Stand, mit Albereien die Kälte aus den Gliedern trieben. Nach drei Seillängen hatten wir die “rechte Hand” hinter uns gelassen und Matthias löste Günter im Vorstieg ab. Nun ging es weiter über die “Tower Ridge” zum Gipfel. 9 weitere Seillängen mit spektakulären Querungen, schmalen Gratüberschreitungen und Mixpassagen lagen vor uns. Nach jeder Seillänge hoffte ich, dass wir mit der nächsten doch endlich den Gipfel erreichen würden. Als wir ihn endlich erreichten, war ich absolut ausgebrannt. Es war spät, aber ich war heil froh, dass wir im Mondschein endlich die Hütte wieder erreicht hatten und den Abend nun ausklingen lassen konnten.

Gipfelplateau des Ben Nevis im allerletzen Sonnenlicht
Gipfelplateau des Ben Nevis im allerletzten Sonnenlicht
Foto: G. Gersdorf

Nach der Aufstehprozedur war mir schnell klar, dass ich heute reif für einen Ruhetag war, “soll doch heute Günter alleine mit Matthias spielen gehen”. Doch Günter kam mir aber zuvor und erklärte diesen Tag nun für seinen Ruhetag. Nun stand ich unter Zugzwang. Matthias funkeln in den Augen verriet mir, dass er nicht vorhatte einen Ruhetag einzulegen. “Hadrian´s Wall Direct (III,5)” war unsere Tagesplanung. Klettertechnisch und konditionsmäßig stark grenzverdächtig für mich. Eingeschüchtert stand ich vor einer 90Grad Eiswand, die einen kalten blauen Schimmer hatte. Wegen mir hätten wir jetzt umdrehen können, doch Matthias euphorischer Blick sagte etwas anderes. Schon schraubte er die erste Schraube ins Eis und begann den Vorstieg. Wider erwarten machte mir der Nachstieg richtig Spaß und ich entwickelte fast richtigen Ehrgeiz, diese Wand zu besteigen. Matthias machte seinen Job gut und kletterte Seillänge für Seillänge vorweg. Meine Aufgabe bestand nur darin, das Material hinter ihm wieder einzusammeln und ihm in den nächsten Stand zu folgen. Als ich dann bei der 7. Seillänge nach schon 15m das Kommando “Stand” hörte, wusste ich, dass er den Gipfel erreicht hatte. Ich war überglücklich. Wir gratulierten uns zum Besteigen des Gipfels, tranken noch kurz Tee und aßen schnell einen gefrorenen Marsriegel. Kurz darauf stapften wir schon wieder zum Abstieg. Wir kamen am frühen Abend schon wieder an der Hütte an, zum Erstaunen von Martin und Günter, die mit uns erst viel später gerechnet hatten.

Glover's Chimney
Glover's Chimney
Foto: G. Gersdorf

Beim anschließenden Essen fielen mir fast die Augen zu, nur der nun wieder spürbare Muskelkater in meinen Beinen hielt mich gerade so vom Einschlafen ab. Dies war die letzte Nacht in der Hütte. Am drauffolgenden Abend wollten wir wieder zurück nach Fort William. Nur Matthias und Günter kletterten noch vor unserer Abreise eine kurze Tour am nächsten Tag (Glover's Chimney (III,4), Garadh Na Ciste, Tower Ridge), während Martin und ich entspannt aufräumten und packten. Zurück in Fort William kehrten wir abends noch in ein Pub ein, welches an diesem Abend kein Pub, sondern eine Disco war. Tanzlaune kam in uns aber nicht mehr auf und anstatt freudig zu feiern, saßen wir erschlagen in der Ecke und umklammerten unser Ale. Die Nacht verbrachten wir wieder im Backpacker´s. Günter und Matthias fuhren am nächsten Morgen nach Creag Meagaidh um “The Pumpkin (V,4), The Inner Corrie”, zu klettern. Martin und ich gingen shoppen. Unseren Abschlussabend zelebrierten wir bei einem gutem Essen und Bier.

Der Tag der Abreise war gekommen und wir überredeten Günter und Matthias, einen großen Teil unserer Ausrüstung mitzunehmen. Wir hofften somit, die Kosten des Übergepäcks sparen zu können. Doch am Flughafen stellte sich heraus, dass wir immer noch zu schwer waren. Diesmal nur 3kg, aber die Schalterfrau blieb trotzdem hart. Martin versuchte ihr freundlich zu erklären, dass in seinem Rucksack fast nur Wechselklamotten sind und er auch bereit wäre, weitere 3kg an Bekleidung anzuziehen, um keine Gepäckgebühren zahlen zu müssen. Das wollte die gute Frau sehen und so stand Martin 5 Minuten später, mitten auf dem Flughafen, in Gore-Overall und Daunenjacke. Ein echt toller Anblick! Wir brauchten nicht zahlen und haben auch gleichzeitig noch vielen Leuten einen lustigen Augenblick verschafft. Gelungene Aktion. 17 Stunden später waren wir dann wieder zu Hause.

Abgesehen von dem Muskelkater, der noch einige Tage vorhielt, muss ich sagen, dass dies einer der schönsten Urlaube und Klettereien war, die ich je gemacht habe. Und ich hoffe, dass die Drei mich auch im nächsten Jahr wieder mitnehmen werden.

Matthias Martin
Volker
Günter
Die Helden: Matthias mit seinen nagelneuen Eisgeräten, Martin mit seinen Eisschrauben, Volker und Günter
Fotos: G. Gersdorf

Volker Hille

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Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 10. April 2005