Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2012
Klettergruppe

Wo sind die Lofoten?

Thorsten Henszelewski

Geschafft. 11 Stunden Fahrt und 1000 km (Peanuts) in den Knochen, Rucksack in die Ecke geworfen. Bier geöffnet. Der Männerurlaub mit Hartmut in den Dolomiten war viel zu schnell zu Ende. Super Wetter und 1200 Klettermeter bzw. 35 Seillängen im besten Dolomit. Unter der Dusche überkam mich ein Lächeln, Duschen wird überbewertet. Kaum war ich abgetrocknet und zivilisationsfein, klingelte es und meine Freundin kam. Nachdem die Heldengeschichten erzählt und das Bier zuende getrunken war, kam eben dieser Satz, vor dem ich alle Männer nur warnen kann: „Ich muss dir was beichten!“. Hm, wollen wir etwa jetzt nicht mehr ins Setesdal fahren, um dort zu trekken und zu klettern, dachte ich angestrengt. War noch nie in Norwegen, bitte nicht.... „Also, Schatz“, fuhr sie fort, „ich habe es mir noch mal überlegt, wir fahren nicht ins Setesdal mit unserem Auto, wir fahren auf die Lofoten. „Wo sind die Lofoten?“, dachte ich angestrengt. Gehört hatte ich davon schon, irgendwie klingt das skandinavisch. „Warum denn dahin“, fragte ich entgeistert. „Sieht so toll dort aus, und man kann dort klettern“, versuchte sie mich zu ködern, „und ob wir nun ins Setesdal fahren oder auf die Lofoten, beides Norwegen, ist doch egal, oder?“ Ach so, dann ist ja gut, von mir aus gerne, solange man dort klettern kann. Erst am nächsten Tag erbleichte ich etwas, als ich die Landkarte von Norwegen studierte. Als ich vor dem Rechner saß, dachte ich nur stumpf, die ist verrückt. Google-Routenfinder eröffnete mir: 2500 km einfach Strecke. 80 km/h auf Landstraßen. Bei 5 km/h Geschwindigkeitsüberschreitung 150 Euro Strafe. Aber man soll Frauen nicht widersprechen. Nein, soll man nicht. Warum nur die Lofoten, seufzte ich. Aber von der Erkenntnis, wo die Lofoten wirklich liegen und der Abreise lagen nur 4 Tage. Und so ging es los. Sagen wir so, nach 4 Hörspielen, unzähligen Tassen Kaffee, einem defekten Kühler-Thermostat, einem Elch waren wir 3 Tage später dort.

Wechselspiel aus Wolken, Stein und Wasser
Wechselspiel aus Wolken, Stein und Wasser
Foto: Thorsten Henszelewski

Mir blieb anfänglich nur das wortlose Schweigen (ich weiß, weißer Schimmel). Wie schön ist denn das. Sofort war ich verliebt in Kirsten, die den Vorschlag gemacht hat und in die Lofoten. Worte können kaum wiedergeben, wie schön es dort ist. Und wer keine ausgetretenen Wanderwege mehr will, wer einsam auf sanfte oder zerklüftete Gipfel steigen mag, für den sind die Lofoten ein Traum. Dieses Wechselspiel aus Wasser, Fels, Wolken und Gras ist das ganze Geheimnis. Fast aus dem Meer ziehen bis zu 1200 m hohe zerklüftete Granitwände empor. Mal ragen die Gipfel mit Moos, Birken und Gräsern umkleidet empor mal majestätisch kahl und steinig.

Und auf den Trekkingtouren waren wir weitgehend alleine. Das Wetter ist eine weitere Faszination. Es regnet viel. Während aber es im einen Tal regnet, schien im anderen die Sonne. Und selbst wenn es 12 Stunden regnen sollte, bleiben noch die anderen 12 Stunden, wo gewandert und geklettert werden kann, denn hell ist es sowieso 24 Stunden, wenigsten von Mai bis Juli.

Immer hell – nachts um 3 Uhr
Immer hell – nachts um 3 Uhr
Foto: Thorsten Henszelewski

Die Landschaft verändert mit dem Wetter täglich ihr Gesicht. Die klare majestätische Erhabenheit des weiten Blickes bei Sonnenschein erlebten wir an 4 Tagen. Dichte Nebelschwaden und die wilde Rauheit des Regens mischten sich im kurzen Wechsel. Ich glaube gerne, dass die Menschen hier an Trolle glauben, wenn das düstere Regenwetter alles mystisch umhüllt. Die Wolken hängen oft auf 600 Metern fest, darüber ragt der Gipfel in die Klarheit der Abendsonne. Unglaublich. Sicherlich ist ein jeder Lofotenurlaub immer auch Glück, ob es mehr oder weniger regnet. Im schlimmsten Fall, ich muss gestehen, bleibt nur das Wandern, doch im besten Fall ein Kletterurlaub, der aufgrund der cleanen Klettertradition zum abenteuerlichen Erlebnis wird.

Und wer gerne Fisch isst, nun, der wird auf den zahlreichen Campingplätzen genug Angler finden, die gegen die Währung Bier oder Schokolade Fisch anbieten. Denn dort sind sehr viele Angler. Ach ja, Walfleich ist lecker! Aber auch Dorsch und Makrele, besonders, wenn letztere frisch geräuchert noch warm dampfend serviert wird. Notfalls Angel nicht vergessen.

Doch nun zu dem, was mich sprachlos machte. Das Klettern. Wir sind im Hauptklettergebiet um Hennigsvaer geklettert, dort gibt es auch einen Kletterladen, wo man einen sehr guten englischsprachigen Kletterführer bekommt. Aber schon die Fahrt ins beschauliche Henningsvaer hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Ich musste einfach anhalten und staunen, weil die Granitfelsen imposante Kletterlinien aufzeigten, die meisten - wie mir später die Topoi recht gaben- folgen den unzähligen Rissen. Verstärkt wurde dieses „Ich-will-klettern-und-zwar-sofort“ durch den Umstand, dass jede Form von Metall im Fels verpönt ist. Es wird nur clean geklettert. Ja, es gibt Abseilpisten ab und an, ja ab dem 8. Grad auch vereinzelt durchgebohrte Sportkletterrouten und noch viel vereinzelter mag sich noch ein Bohrhaken irgendwo finden. Aber in den 4 Mehrseillängenrouten und den 6 Einseillängenrouten habe ich KEIN Stück Metall gefunden. Alles muss selber abgesichert werden.

Der perfekte Riss – ich komme wieder!
Der perfekte Riss – ich komme wieder!
Foto: Thorsten Henszelewski

Sicherlich gibt es auch Routen mit langen Runnigouts. Eine 5- Platte habe ich gemacht (By the dashboard lights), in der zwischen meinen beiden Friends ca. 18 m nichts zu legen war. Wäre ich... aber diesen Gedanken verdränge ich lieber. Und wer dort ist, mag auf das Herz mit Flügeln im Führer achten, das eben dieses Risiko andeutet. Doch viel häufiger finden sich Routen, die so perfekt abzusichern sind, dass dort relativ gefahrlos das Legen von Keilen und Friends perfektioniert werden kann wie in den Routen Gandalf und Gollum UIAA 6-, 3SL, 100m). Da lassen sich oft leicht 5 Friends bzw. Keile auf 4 Metern legen. Und endlich mal wieder Standplätze bauen, herrlich. Diese Form des Kletterns entschleunigt Zeit und Geist. Während in Sportklettergebieten es rasch auf und ab geht, ab zur nächsten Route, will dort jeder Meter bewusst geklettert werden. Und egal, wo die Routen enden, auf dem Gipfel oder auf einem Band, immer hat man den Blick aufs Meer. Während noch die Sonne einen anlacht, ziehen in der Ferne Regenbänder auf oder vorbei.

Obwohl ich behutsam meine Freundin ans Granitklettern herangeführt habe, so sind 5+ Risse eine Welt für sich. Nur eine 5+, aber ein Riss. Und so geschah es in der perfektesten von mir je gekletterten Seillänge, dass an einem leicht geneigten Felsen, die glatte Wand nur von einem Riss unterbrochen wurde. Der perfekte Handklemmer-Riss, die Füsse im Riss oder auf Reibung an der Platte. Selten habe ich eine schönere Seillänge erkämpft. Die dran folgende Seillänge sollte dann eine seichte 30 m Verschneidung sein. Doch leider vergaß ich mit meiner Freundin vorher einzuüben, wie man klemmt. Und so musste ich an einem 2er-Keil später wieder abseilen. Aber der Blick in die verbleibenden 5 Seillängen machte mir klar, ich muss wiederkommen.

Jetzt weiß ich, wo die Lofoten liegen, und ich werde irgendwann zurückkehren, um zu vollenden, was vollendet werden muss.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. Februar 2012