Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2017
Allgemein

Durch den Südosten Bayerns – Von Freising zum Königssee

Jens Köhler

Aller guten Dinge sind drei. Was ich im Mai 2015 in Kahl am Main begann und im April 2016 im mittelfränkischen Aurach fortsetzte, fand nun im Mai 2017 seinen Abschluss mit der dritten Etappe von Freising an der Isar bis zum Königssee. (s. Berichte in den Mitteilungsblättern 3/2015 ab S. 15 und 3/2016 ab S. 22)

Für einen Norddeutschen ist die Anreise kein Pappenstiel, und wegen der Teilnahme an der Gruppenfahrt der Hochtourengruppe in die Sächsische Schweiz wurde es noch komplizierter. Irgendwie ist es mir aber gelungen, trotz Staus, Umleitungen und Vollsperrungen am 2.Mai nach Ramsau zum Zeltplatz Simonhof am Taubensee zu gelangen. Vom 3.-10.Mai sollte es nun in acht Tagen bis zum Königssee gehen. Mit Bus und Bahn erreichte ich Freising, und ich konnte bei schönstem Wetter und gewaltigem Fluglärm an der Isar südwärts wandern, um in Hallbergmoos ein gutes Quartier im Hallberger Hof zu finden. Hallbergmoos ist wegen des Flughafens wahrlich nicht zu beneiden, an der Isar konnte ich erleben, dass alle zwei Minuten ein Flieger startete.

Stauwehr an der Isar
Foto: Jens Köhler

Doch am Folgetag sollte sich das bessern, ich ließ den Großraum München mit seinem lauten Flughafen langsam hinter mir, und durch die flachen Weiten des Nötzinger Moos' wanderte ich nach Moosinning. Der dortige Isarkanal markierte das Ende der weiten Ebene rund um Erding, und jetzt wurde es endlich etwas hügeliger.

Nach kurzer Zeit erreichte ich den wohl musikalischsten Ort der ganzen Strecke: Hofsingelding. Aber statt Musikanten traf ich einen freilaufenden, zum Glück gutmütigen Hund, der mich ca. 20 Minuten lang begleitete. Eine Stunde später eine sehr schöne Pause am Wörther Weiher, ehe es, an der Baustelle der Isentalautobahn vorbei, durch einsame Wälder nach Buch am Buchrain ging. Direkt neben meiner Pension lag eine malerische Zwiebelturmkirche mit einer Gedenktafel zu Ehren der Großmutter von Wolfang Amadeus Mozart. In der Nacht setzte Dauerregen ein, aber der störte mich nicht, denn ich verbrachte einen geselligen Abend in der Pizzeria nebenan. Am Stammtisch saß ein Bayer mit seinem türkischen Freund, zunächst dachte ich das jedenfalls, aber später stellte sich heraus, dass es ein Taxifahrer mit seinem Passagier unterwegs ins Münchener Rotlichtviertel war! Wer denkt da nicht an die Spider Murphy Gang: „Skandal im Sperrbezirk“!

Am nächsten Morgen brach ich zur längsten Etappe auf. In Pemmering kaufte ich leckere Hartwurst und einen „Ausgelassenen“ als Wegzehrung in einem kleinen Hofladen. Nach und nach besserte sich das Wetter, die Wolken lösten sich auf, und durch eine sehr malerische Landschaft näherte ich mich immer mehr Wasserburg am Inn. Nach 37 km erreichte ich mein Quartier auf dem Kellerberg mit toller Aussicht auf die von einer Innschleife eingerahmte Altstadt. Nur schade, dass der Gasthof Ruhetag hatte (am Freitag!). So musste ich mich im nahegelegenen Supermarkt verpflegen. Wasserburg am Inn hebe ich mir für später auf, um die mediterran anmutende Altstadt noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Der Inn mit Wasserburger Altstadt
Foto: Jens Köhler

Samstag, und ein Wandertraum durch das Chiemgau deutete sich an. Bei blauem Himmel und Alpenblick startete ich mit Ziel Seebruck am Chiemsee. Durch eine sehr dünn besiedelte Hügellandschaft arbeitete ich mich voran zum Gehöft auf dem Gramlberg, mit 640 m die höchste Erhebung weit und breit und ein Aussichtspunkt par excellance! Unter mir blühende Löwenzahnwiesen, dann der schillernde Chiemsee, darüber ein Horizont aus Bergspitzen, vom Salzkammergut im Osten bis zu den Münchner Hausbergen im Westen. Ein wahrhaft majestätischer Ausblick. Getrübt wurde dieser Moment durch einen einsamen Wanderer, der sich als bettelnder Vagabund herausstellte, den ich nur mühsam abwimmeln konnte.

Der Weiterweg zum Chiemsee führte mich nach Pittenhart, wo ich eine angenehme Einkehr beim Kirchenwirt genoss und neben Speis und Trank auch nette Gespräche erhielt. Auf dem sehr alten Römerweg ging es nun die letzten Kilometer bis zum Chiemseeufer, zwei Kilometer weiter erreichte ich den Postwirt, mein Domizil für die Nacht, direkt am Ausfluss der Alz, also dort, wo der Chiemsee seinen „Stöpsel“ hat.

Im leeren Biergarten sitzend genoss ich den Watzmannblick und verzehrte einen leckeren Schweinebraten. Und es war richtig gut, dass ich das gute Wetter am Abend bis zum letzten Moment auskostete, denn die nächsten drei Tage sollten gar scheußlich werden. Aber der Reihe nach.

Das Sommerhäusel bei Wörglham
Foto: Jens Köhler

Der Sonntag machte seinem Namen keine Ehre. Nicht einmal kam die Sonne heraus, und bei Nieselregen ging es am Ufer des Chiemsees entlang bis nach Chieming. Die Chiemgauer Berge waren im Nebel verschwunden und nur wenige Spaziergänger unterwegs. In Chieming verließ ich die Uferpromenade, es ging empor ins Hinterland. Eine sanfte Wiesenlandschaft führte mich zur malerischen Kapelle von Brodaich, dann wurden die Hügel immer steiler, und durch einen auch bei Nieselregen angenehmen Buchenwald ging es nach Wörglham. Per Zufall entdeckte ich auf einem Hügel oberhalb der kleinen Siedlung eine Holzhütte. Kinder hatten Löwenzahnketten geflochten und ins Hütteninnere gehängt, eine alte Fotografie zeigte, dass dies Sommerhäusel schon ab 1925 dort steht. Bei Regen ein idealer Pausenplatz, und in der Ferne war auch schon Vachendorf zu sehen, ein kleines Dorf kurz vor der A8.

Nachdem ich meinen Rucksack um ein paar Kalorien erleichtert hatte, ging es wieder hinaus in das Gepladdere. Bis Vachendorf leider sehr viel Asphalt - uff - aber es ging nicht anders. Einen Teil meiner Motivation zog ich aus dem Bewusstsein, dass es in Vachendorf an der Kirche einen Gasthof gab, wo ich endlich auch einmal von innen nass werden konnte. Aber dort angekommen ein kleiner Schicksalsschlag: „Zua is!“ stand auf einem Zettel. Da konnte man nichts machen, also hinauf auf den kleinen Berg, der mich noch von der A8 trennt. Oben eine schöne Wallfahrtskapelle mit Namen „St.Georg am Berg“, danach ein matschiger Waldweg und ein Wiesenpfad, der meiner Hose und den Stiefeln extrem zusetzte, ehe ich Asphalt erreichte, und nach 4 Kilometern (gefühlt 10) kam ich in Siegsdorf an. Endlich, der Forellenwirt hatte geöffnet, und ein heisses Süppchen wärmte mich wieder auf. In der Pension Bergblick wurde ich herzlich begrüßt, und das Schnitzel im Gasthof Edelweiß war so unvorstellbar lecker. Nur, wer schon einmal einen ganzen Tag bei Regen unterwegs war, kann wahrscheinlich meine Freude nachvollziehen!

Am Weißbach-Wasserfall
Foto: Jens Köhler

Am Montag ging es dann in die Chiemgauer Voralpen. Tagesziel war Weißbach a.d. Alpenstraße. Das Hindernis, welches sich mir in den Weg stellte: Der 1227 m hohe Zinnkopf. Der Regen war über Nacht stärker geworden. Nach Verlassen des Siedlungsgebiets von Siegsdorf begrüßten mich matschige Waldwege. Der Zinnkopfsteig war in einem grausamen Zustand! Schlamm, Schlamm, Schlamm! Aber ich kämpfte mich empor. Oben hoffte ich, auf der Sulzbergschneid einen Graspfad zu finden, aber Irrtum: Mich erwartete ein frisch aufgeschobener Forstweg. Noch mehr Matsch! Was war ich froh, vier Kilometer weiter endlich einen Schotterweg zu erreichen. Doch die Freude währte nur kurz: Der kürzeste Weg hinunter ins Gebiet der Kesselalm führte über morastige Ziehwege, die auch noch mit kniehohem Gras bewachsen waren. Es war eine grausame Wasserschlacht!

Unten im Tal angelangt, verstärkte sich der Regen noch einmal, bei Kohlgrub ein kleiner Plausch mit einem Bauern im Dauerregen. Ein Hoffnungsschimmer, der Gasthof Schmelz lag auf dem Weg, aber wieder einmal eine Niete: Ruhetag! Zum Glück fand ich nach dem Unterqueren der Alpenstraße eine Art Waldspielplatz mit Schutzhütte. Hier wartete ich 45 Minuten lang den Regen ab, und tatsächlich, Petrus hatte ein Einsehen und stellte endlich den Wasserhahn ab! So konnte ich das Wildenmoos mit Nebelschwaden genießen, und vor Erreichen meines Ziels gab es Wasserfälle mit ungeheurem Lärmpegel zu bestaunen. Im Hotel Mauthäusl hatte ich mir die Sauna redlich verdient, und sehr erschöpft fiel ich ins Bett.

Ramsauer Pfarrkirche mit Reiter-Alpe
Foto: Jens Köhler

Am Dienstag während des Frühstücks nur noch leichter Regen, und als ich aufbrach, war es endlich trocken. Die Weißbachschlucht konnte ich mit sehr viel Wasser und Getöse erleben, dann überquerte ich bei Schneizlreuth die Saalach und erreichte damit im streng orografischen Sinne die Berchtesgadener Alpen. Das Wetter war aber immer noch nicht nett, ein starker Regenschauer bei Unterjettenberg. Ich folgte nun der Saalach in Richtung Saalachsee/Bad Reichenhall, um etwas später bei Baumgarten ins Rötelbachtal einzubiegen, hinein ins Lattengebirge. Fünfhundert Höhenmeter erklomm ich auf der gnadenlos steilen Schotterstraße (19%). Oben angekommen wurde ich von einem Graupelschauer überrascht, und die Pause an der Anthauptenalm auf 1320 m erlebte ich bei leichtem Schneefall. Das waren dann aber auch die letzten Schwierigkeiten, denn nun ging es bis zum Taubensee nur noch sanft bergab, immer mit schönen Ausblicken in die schroffe Bergwelt der Reiter-Alpe im Westen.

Nach 191 Kilometern und sieben Tagen erreichte ich mein Auto auf dem Campingplatz Simonhof. Jetzt hätte ich von Petrus eigentlich durchwachsenes Wetter gebraucht, um einen Tag gemütlich im Zelt zu faulenzen, stattdessen zauberte er einen fabelhaften Frühlingstag mit stahlblauem Himmel und perfekter Sicht. So packte ich dann einen leichten Tagesrucksack und brach von Ramsau zum Königssee auf. Einige Stunden später saß ich am Fuße des Königsbachfalls am Königssee und feierte dort still das Ende meiner Bayerndurchquerung, die 2015 als spontane Idee begann und mich am Ende in 22 Tagen mit 625 Kilometern und 9500 Höhenmetern durch einige der schönsten Landschaften des Freistaates führte. Und noch eine interessante Kennzahl zum Schluss: Das Verhältnis zwischen gelaufener Strecke und Luftlinie der Tagesetappen, der sogenannte „Bayerische Umwegfaktor“, betrug am Ende 1,52. Und ich muss offen zugeben, dass die zwei am Ende dem Geocaching geschuldet war, denn auch gut 150 Geocaches habe ich am Wegesrand eingesammelt.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 24. August 2017