Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2017
Allgemein

Nichts ist so konstant wie der Wandel - Oder: Alles wiederholt sich!

- Zum 125-jährigen der Braunschweiger Hütte –

Klaus Steube

Ob sich die Herrschaften aus der norddeutschen Tiefebene, damals vor 125 Jahren, anlässlich der Errichtung und Einweihung der Braunschweiger Hütte, trauten abzuschätzen, wie es in 50, 100 oder jetzt nach 125 Jahren am Fuße des Karleskopfes aussehen und zugehen mag? Wohl kaum! Denn wer von uns traut sich, in diesen politisch unruhigen und vom Klimawandel bedrohten Zeiten, auszumalen, in welchem Zustand sich die Menschen, Berge, Hütten, die gesamten Alpen in 125 Jahren (das ist im Jahr 2142) präsentieren?

Die Anreise aus Braunschweig im 19.Jahrhundert benötigte mehrere Tage. Reisende fuhren mit der Bahn bis nach Imst und mussten von dort zu Fuß weiter (entweder auf den eigenen oder denen der Pferde). In einer alten Beschreibung heißt es "das Pitztal ist 8-9 Stunden lang; der Zugang führt über einen Vorberg, da das Flussbett keinen Raum für eine Fahrstraße bietet. In den Orten Wenns, St. Leonhard, Plangeroß und Mittelberg, den letzten beiden Häusern (!) des Tals, findet der Wanderer gute Unterkunft und Verpflegung."

Frühe Braunschweiger Hütte um die Jahrhundertwende
Foto: Archiv Armin Rogge

In die Gründungs- und Erschließungszeit (der Alpen) ab der zweiten Hälfte des 18.Jh fällt "logischerweise" auch der Bau der Hütte. Während einer Ortsbesichtigung 1889 befand der damalige Vorstand der Sektion, dass "sämtliche Talleute, mit welchen wir in Verkehr traten, die Erbauung eines Unterkunftshauses auf den Karlesköpfen im oberen Pitztal für dringend notwendig hielten". Nach Bewilligung und Unterstützung durch die "Generalversammlung" (also in etwa dem heutigen Bundesverband) und kurzer Planung erfolgte die Einweihung 1892 (vorher wäre eine Entscheidung noch fast zu Gunsten der Marmolada in Südtirol gefallen): Kochraum, Speisezimmer, Damenschlafraum, 2 Herrenschlafräume = 9 Betten plus Heulager, mit damaligen Baukosten von ca. 7.000 Mark.

Frühe Braunschweiger Hütte um die Jahrhundertwende Foto: Archiv Armin Rogge

Maßgebliche Bauleute waren Bergführer und Gastwirte im hinteren Pitztal, mit durchaus wirtschaftlichen Motiven. Um die im Tal "herrschende durchschnittliche Armut" zu lindern, sammelten nämlich Braunschweiger einige Jahre lang Geld- und Kleiderspenden für die Anwohner und besuchten natürlich dann auch die neue Hütte. Schon in den ersten Jahren nach Errichtung waren es ein paar Hundert pro Saison und bereits 1895 erfolgte die erste Erweiterung auf 30 Schlafplätze.

Aufstieg zum Linken Fernerkogel
Foto: Klaus Steube

Der alpinistische Grund für den Bau einer Hütte war der Umstand, die Übergänge vom Pitz- ins Oetztal zu erleichtern und die Möglichkeit der Gipfelbesteigungen in der Umgebung zu eröffnen, die wegen der "langen Schneewanderungen nicht besucht werden konnten". Ist auch heute noch die Umgebung der Braunschweiger Hütte sehr eindrucksvoll in die Landschaft eingebettet, (wenn man mal versucht, über die geschlagenen Wunden des Skitourismus hinwegzusehen) so waren doch vor 125 Jahren die Gipfel, Grate und Übergänge natürlich noch wilder, eisumhüllter, schwerer zugänglich. Der Mittelbergferner "das erhabenste Gebilde der deutschen Alpen" reichte vor über 100 Jahren bis etwa zum Standort der heutigen Gletscherstube (jene im Tal gelegene Gastwirtschaft mit Klettergarten und Schlafmöglichkeit, die wir alle auf dem Weg zur Hütte passieren). Also damals wie auch heute ein guter Grund für Betrieb der Hütte. Der Alpentourismus im 20. Jh. erwachte und auch die Hütte und das Pitztal lockten immer mehr "Hochgebirgswanderer" oder "Reisende" (unser Begriff Bergsteiger ist neuzeitlich) an; es erfolgten weitere Umbauten in den Jahren 1908, 1931 und 1965.

Seit Jahren schon hat der DAV die Erschließung der Alpen als beendet erklärt ("Keine neuen Hütten!" - "Vorrang für Erhaltung der Natur!") und steht somit auf einer anderen Seite, als so manche Gemeinde oder Unternehmer, die immer noch eine neue Seilbahn hier, einen Sessellift dort oder - wie im Pitztal - ein neues Skigebiet in die Landschaft setzen (wollen), in der Hoffnung, noch ein paar Besucher mehr anzulocken als die Konkurrenten - pardon: die lieben Nachbarn - im Dorf nebendran.

Entwicklung des Nächtigungszahlen seit dem Jahre 2000

Interessant ist in diesem Zusammenhang bereits ein Text zum 100-jährigen Bestehen der Hütte (Heft 1, 1992), in der von "einer steigenden Flut von Hochgebirgstouristen und einer teilweise ungezügelten Vermarktung der Alpen" zu lesen ist und dass "an guten Tagen bis zu 200 Gäste auf der Hütte bewirtet werden". In diese Zeit fallen u.a. die Anbindung der Stromversorgung ans Netz durch das Skigebiet am Rettenbachjoch (vorher Dieselaggregat), die Umstellungen der (Ab-) Wasserversorgung und die Mülltrennung. Unter den Vereinsmitgliedern in Braunschweig stritt man wegen der Einrichtung von Duschen auf der Hütte und es wurden auch Stimmen laut, die einen Rückbau zu einer "echten" Bergsteigerunterkunft mit Selbstversorgung forderten. Schon damals wurde konstatiert, dass sich die "Besucherstruktur durch die Erschließung der umliegenden Gebiete gewandelt hat und kaum noch echte Bergsteiger die Hütte besuchen; viele Menschen wünschen ein gewisses Maß an Gastlichkeit und Bequemlichkeit vorzufinden".

Nun ich weiß nicht, was der damalige Schreiber unter "echten" Bergsteigern verstand (gibt es also auch "falsche"?), aber als ich 1999 zum ersten Mal die Hütte betrat, fühlte ich mich schon wie ein "echter"; unsere Gruppe hatte vorher eine tagelange Höhentour über die Gipfel des Geigenkammes bewältigt und im Nachschlag noch ein paar weitere Gipfel und Steilanstiege im frisch gefallenen Schnee erklommen (nachdem das Gros der Jubiläumsgäste ins Tal abgestiegen war).Tagesgäste stellten also auch schon vor 25 Jahren die Masse der Besucher, und Gipfelsammler waren die Minderheit. "Zum Glück!", möchte man einwerfen, denn Ihr "echten" Bergsteiger, stellt Euch vor: mit 100 Gleichgesinnten auf dem Gipfel des Schuchtkogels (benannt nach dem Vorsitzenden zur Zeit des Hüttenbaus) zu drängeln. Dann kam der Fernwanderboom und legte den E5 über die Braunschweiger Hütte und beschert uns seitdem Jahr für Jahr steigende Übernachtungszahlen. Diese lassen reichlich Geld für Hüttenpächter (Essen und Getränke) und Sektion (Nächtigungsgebühr) und prägen nunmehr fest den Charakter der Hütte. Unsere Hütte ist daher nicht mehr die "einfache" Bergsteigerunterkunft wie vor 50, 100 oder 125 Jahren. Das muss man zugeben, ob man es nun gut findet oder nicht. Und das Rad zurückdrehen, zur "guten alten Zeit" (gab es die jemals?) geht ja auch nicht. Sollen wir die E5-Geher ausladen? Welch finanzieller Schock ginge durch die Sektion, würden Hunderte von E5-Wanderer plötzlich ausbleiben. Und, ein weiterer Einschub: welche Überraschungen und Folgen, gute oder schlechte, der Ausbau des Skigebietes, das wohl umweltpolitisch kaum zu verhindern ist (allenfalls noch parteipolitisch, je nach Konstellation der Machtverhältnisse in Tirol) noch für uns parat hält, weiß eigentlich kein Mensch mit Gewissheit zu sagen. Und wenn ich mir in einer überfüllten Braunschweiger Hütte inmitten von E5-Wanderern, Tagesgästen und "echten" Bergsteigern etwas mehr "Bergeinsamkeit" wünsche, hilft es mir zu hoffen, dass all diese Menschen durch den Besuch dort oben die Alpen ein bisschen mehr schätzen lernen; denn etwas das man schätzt, wird man auch eher schützen.

Linker Fernerkogel mit Gletscherbruch im Spätsommer
Foto: Klaus Steube

War die Hütte vor 25 Jahren als bergsteigerisches Ziel relevant? Ist sie es heute? Ja! Denn im Grunde hat das höchste Haus Braunschweigs auf 2.759 m nicht an Zielen, Attraktionen und Möglichkeiten verloren (selbst weniger Gletscher ermöglichen neue "Bergsportaktivitäten"). Neben der Zunahme an E5-Wanderern oder Tagesgästen hat auch die bergsteigerische Nutzung in den letzen Jahren zugenommen: In Kletter- und Eiskursen anderer Sektionen (in manchen Jahren auch von uns), durch kommerzielle Bergschulen oder in privaten Gruppen lernen Bergbegeisterte das Begehen von Gletschern, das Klettern im steilen Eis, Spaltenbergung oder steuern Ziele wie den nahen Fernerkogel oder die weitere Wildspitze an. Freunde des Klettersteiggehens finden im Talschluss des Pitztales (Nähe der Gletscherstube) ein Spaß- und Nervenkitzelterrain. Oben in Hüttennähe bieten mehrere Klettergärten (Routen zw.II bis VII) sowie neu gebohrte Alpin- und Plaisirrouten reichlich Genuss für Felskletterer. Klettersteige und Klettergärten gab es vor 25 Jahren nicht. Dafür werben Flyer und Bergsteigerschulen und allein in dieser Saison haben wir über 500 Nächtigungen aus Kursen. Wer eine ganze Woche auf der Hütte buchen will, muss früh anfragen.

Wie kann man sich informieren? Ausführlich beschrieben (inklusive eines historischen Rückblicks) und wunderschön bebildert, schildert alte und neue Möglichkeiten im Umfeld der Hütte das Buch unseres Sektionsmitgliedes und Hochtourentrainers Kai Maluck, "Eisgipfel und Felsgrate: Tourenführer oberes Pitztal: rund um die Braunschweiger Hütte", welches ich schon einmal im Braunschweig Alpin vorgestellt habe. Drucklegung war 2015, also noch hochaktuell; wer es nicht als Zusatzgepäck von der Hütte heruntertragen möchte, kann es auch auf unserer Geschäftsstelle, im Buchhandel oder direkt vom Autor bzw. dem Geoquest Verlag erstehen. Es lohnt sich - vor und nach dem Hüttenbesuch. Weder Autor noch Verlag werden durch den Verkauf des Buches reich; die Erstellung erfolgte in jahrelanger Eigenarbeit und übersteigt ein Vielfaches des Verkaufserlöses.

Alle kursiv hervorgehobenen Texte sind Zitate aus früheren Veröffentlichungen, u.a. zum 100-jährigen Jubiläum (Sektionsheft 1, 1992) oder aus der Zeit des Hüttenbaus (1892).

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 24. August 2017