Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2018
Hochtourengruppe

Auf das Dach Europas

Der Elbrus im Kaukasus

Christiane Zehrer

Elbrus Ost- und Westgipfel aus der Ferne
Foto: Christiane Zehrer

Am 24. Juli 2018 erreichte ich mit drei anderen Bergsteiger/innen aus Deutschland, England und Portugal den 5.642 Meter hohen Westgipfel des Elbrus. Im mittleren Kaukasus gelegen, handelt es sich bei diesem erloschenen Vulkan um den höchsten Berg Europas und einen der begehrten „Seven Summits“. Wir bestiegen ihn von der anspruchsvolleren Nordseite her.

Flussquerung
Foto: Christiane Zehrer

Meine Motivation, den Elbrus zu besteigen, war allerdings nicht rein bergsteigerisch. Eher spontan antwortete ich auf ein Mitreisenden-Gesuch im Internet. Die Neugier auf das Reiseland Russland spielte dabei eine ebenso große Rolle. Um zum Elbrus zu gelangen, reist man zunächst über Moskau oder St. Petersburg nach Mineralnye Vody, und von dort in eine der näher am Kaukasus gelegenen Städte. Unser Hotel befindet sich in Kislowodsk, einem Kurort mit mediterranem Flair und einem der größten Parks Europas. Nach ordentlicher Verpflegung und einer Nacht in komfortablen Betten zum Elbrus Base Camp (2.500 m). Nach einer recht ruppigen Fahrt im Allrader erreichen wir nach nur 10 Minuten Fußweg – mit abenteuerlicher Flussquerung – das Ziel. Geschlafen wird in festen, hohen Zelten, die mit Liegen ausgestattet sind. Theoretisch gibt es sogar warme Duschen – allerdings nur für die Schnellsten. Eine erste Wanderung am Ankunftstag führt uns zu einem beeindruckenden Wasserfall. Auch den Grund, weshalb es überhaupt eine Art Highway in eine solch abgelegene Gegend gibt, lernen wir kennen: überall am und neben dem Fluss baden Menschen in Quellen, reiben sich mit dem Wasser ein oder trinken davon.

„Moon Valley“ mit Blumen und Elbrus im Hintergrund
Foto: Christiane Zehrer

Am nächsten Tag startet die Akklimatisierung mit einer Wanderung zu den Pilzfelsen (3.200m), die bis zu 10 Meter hoch sind und ihren Namen ihrer charakteristischen Form verdanken. Am nächsten Tag, dem dritten im Base Camp, geht es ins High Camp, auf immerhin 3.800 m. Wir bringen einen Teil der Ausrüstung nach oben, durchqueren dabei das „Moon Valley“ – in dem entgegen dem Schlager Blumen auf dem aschgrauen Untergrund blühen – und den ehemaligen Flugplatz der deutschen Wehrmacht auf 2.800 Metern Höhe.

Wie viele hohe Berge sind der Elbrus und der Kaukasus geschichts- und konfliktträchtige Orte – ein Fakt, von dem wir aktuell unbehelligt bleiben. Eher staune ich, wie gut die Personen unterschiedlichen ethnischen Hintergrunds (beim Kennenlernen wird ganz selbstverständlich darüber gesprochen, und auch der russische Pass enthält Angaben zur ethnischen Zugehörigkeit) miteinander arbeiten, um unsere Expedition zu ermöglichen.

Elbrus Ost- und Westgipfel, vom High Camp aus gesehen
Foto: Christiane Zehrer

Am kommenden Tag steigen wir mit dem Rest der Ausrüstung noch einmal auf und bleiben von nun an im High Camp. Wir sind in einer Mehrbett-Hütte mit halbkreisförmigem Querschnitt untergebracht. Dies ist wohl die beste Form, um dem oft starken Wind standzuhalten. Wie im Base Camp ist das Essen auch hier überdurchschnittlich gut, vor allem, wenn man die beschränkten Möglichkeiten der Kücheneinrichtung in Betracht zieht: es gibt Suppe, Hausmannskost, durchwegs frische Tomaten oder selbstgemachten Salat. Ein Heißhunger nach Frischem, wie ich selbst ihn in den Alpen regelmäßig erlebt habe, kann so gar nicht erst aufkommen.

Am dritten Tag im High Camp machen wir eine letzte Akklimatisierungstour. Ziel sind die Lenzfelsen in 4.750 Metern Höhe. Gleichzeitig lernen wir das erste Drittel der Strecke zum Gipfel kennen und holen uns bei sommerlichen Temperaturen auf dem Gletscher einen Sonnenbrand an Stellen, die auf Hochtouren in der Regel nicht „ausgepackt“ werden.

Langes Plateau vor dem Gipfel
Foto: Christiane Zehrer

Dann wird es spannend. Erstens haben wir nun einen Ruhetag, verbunden mit der Notwendigkeit, uns am Abend für den nächsten oder übernächsten Tag als Gipfelsturm zu entscheiden. Doch der Streit um diese Entscheidung wird in dieser Nacht durch Schlimmeres in Perspektive gesetzt: Ein Mitglied unserer Gruppe muss notfallmedizinisch behandelt werden. Höhe und nicht ganz ausreichende Fitness haben den Körper über dessen Grenzen hinweggeführt. Ich berichte dies im Sinne der Risikokultur. Jede/r kann eine Besteigung des Elbrus bei einer Agentur buchen. Dies sollte jedoch niemals als Rundum-Sorglos-Paket hingenommen werden. Im vorliegenden Fall hatte der Bergfreund offensichtliche, für den Laien erkennbare Probleme ignoriert. „Group think“ und übermäßig positives Denken trieben ihn zusätzlich ins Risiko. Unsere Gruppe jedenfalls nimmt in dieser Nacht nicht den Gipfel in Angriff, sondern hält abwechselnd Nachtwache an einem Krankenlager.

In der kommenden Nacht ist es dann endlich so weit: 23:30 Uhr wecken, 0:00 Uhr Frühstück, um 1:00 Uhr auf den Weg. Mit drei einheimischen Bergführern machen wir uns in 3er-Seilschaften auf den Weg. Auf den aperen Gletscher folgt der steiler werdende Schneehang, danach die Lenzfelsen, die wir gegen 4:00 Uhr erreichen. Umkehren möchte an dieser Stelle niemand, lieber wissen, ob man die 5.000er-Grenze knacken und wie weit man dann noch gehen kann. Das Terrain wird steiler, der Wind deutlich kräftiger, mein Körper schreit beim Gehen durch den tiefen Schnee nun alle 200 Höhenmeter nach einer Pause.

Geschafft - endlich oben!
Foto: Christiane Zehrer

Nachdem bei 5.200 Metern noch zwei Sportfreunde ausgestiegen sind, erreichen wir in zwei 3er-Seilschaften den Sattel (5.300m). Hier deponieren wir die Rucksäcke und nehmen den Schlussanstieg zunächst auf einer verschneiten Traverse, dann am Fixseil in Angriff. Und auch danach ist es noch lange nicht geschafft. 40 Gehminuten auf einem Plateau, über das der Wind pfeift, trennen uns immer noch vom Gipfel. Jeder Schritt quält nun. Ich denke an nichts mehr, außer einen Fuß vor den anderen zu setzen, dann bin ich endlich da. Gipfelfoto, Abstieg in den Sattel, Whiteout. Nur dank unserer orts- und bergkundigen Guides schaffen wir es in den Wechselspielen des Wetters zurück ins High Camp. Wird sind 15 Stunden am Stück auf den Beinen, erschöpft, dehydriert, durchgefroren. Trotzdem bleibt die Besteigung eines solch hohen Berges ein grandioses Erlebnis. Die feierliche Zertifikatsübergabe am nächsten Abend in Kislowodsk bildet den krönenden Abschluss einer erlebnisreichen Reise – mit gutem Essen, Trinken und anerkennenden Worten unseres Bergführers.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 1. September 2018