Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2018
Hochtourengruppe

Hochtourenwoche auf schmalem Grat

Matthias Goebel

Sehr viele ambitionierte Hochtourenalpinisten wollen einmal in ihrer aktiven Zeit, die legendäre Spagetti Runde (Überschreitung des Walliser Hauptkamms) absolvieren. Für die meisten bleibt es nach unseren Recherchen eine Vision.

Hochoben über dem Talgrund von Zermatt eröffnet sich erfahrenen Bergsteigern der Tanzsaal der höchstgelegenen Westalpengipfel und zudem das größte noch zusammenhängende Gletschergebiet in den Alpen. Ringsherum gähnt der Abgrund, jeder Fehltritt hätte fatale Folgen. Atemberaubende, ja fast inflationäre Eindrücke, die niemand vergisst.

Warum nur heißt diese anspruchsvolle Hochtourendurchquerung im Wallis, auf der gleich vierzehn 4000er vom Breithorn bis zur Dufourspitze durchstiegen werden können, Spagetti Runde? Der Grenzverlauf dieser Tour zwischen der Schweiz und Italien führt uns zumeist auf die Schutzhütten, wo im Tal die Zitronen blühen. Und diese warten mit nicht zu erwartenden kulinarischen „Spagetti Variationen" auf… mmh waren die lecker!

Der Sonne entgegen
Foto: Peter Männel

Und jede Menge Kraft wird benötigt. Auf der 10-tägigen Tour inklusive Akklimatisation (1.609 Hm-4.554 m) wurden 7300 Höhenmeter, 75 km, 12 Gipfel > 4000 m, 3 Überschreitungen und 2 Nordwände realisiert. Aber nun der Reihe nach.

Christiane Häger, Johanna Keinath, Matthias (Matti) und Peter Männel haben schon vor 18 Monaten versucht, die dafür erforderlichen Hüttenreservierungen vorzunehmen. Bis kurz vor Beginn der Tour waren die Hütten ausschließlich Schweizer Bergführern und ihren Gästen vorbehalten. Aber es sollte klappen. Auch die Capanna Regina Margherita (höchstgelegene Hütte in den Alpen), gab grünes Licht und bestens vorbereitet, ging es nach 2,5 Tagen Akklimatisation unter dem Zinalrothorn los. Allerdings ohne unsere Initiatorin Chris, bei der sich ein nicht ausgeheilter Knorpelschaden im Knie ankündigte und die geplante Tour für sie fortan Geschichte war.

Jetzt leider nur noch zu dritt, musste umdisponiert werden. Seil- Management als 3er- Seilschaft, Gewichtsoptimierung und gleichmäßige Materialaufteilung auf die Rucksäcke. Diese sollten aufgrund der anhaltenden Schwierigkeiten und Länge der Tagesetappen so „leicht" wie möglich sein. Mindestens drei Liter Flüssigkeit mussten p.P. mitgeführt werden neben der technischen und sicherheitsrelevanten Ausrüstung max. 7,5 kg für jeden Seilpartner. Auch machten wir uns zurecht Gedanken, wie die jeweiligen Passagen der Touren anzugehen sind. Eine Mischung aus der schwerste Seilpartner geht bergab hinten, und der Erfahrenste führt, die Dame kommt in die Mitte… u.s.w. alles wurde exakt in Gedanken und in Gesprächen analysiert.

Nach dem Vortagesanstieg von Zermatt auf die Gandegghütte (1.435 HM), begann eine Nacht mit Gewitter, Schnee und Magengrummeln. Ob wir wohl starten können?

Tag 2:

5:20 Uhr. Die halbe Breithorntraversierung (4.164 m) und die langen Gletscherpassagen zur Rif. Guide Ayas (3420 m) waren ohne Probleme bei bestem Wetter zu bewältigen und stimmten uns auf die kommenden Tage ein. Beeindruckend hierbei die riesigen Gletscherabbrüche!

Tag 3:

In steiler Wand
Foto: Peter Männel

Es hat wieder geschneit und gestürmt über Nacht und man musste Angst haben, dass diealte Hütte zerlegt werden würde. Leider hatte der Sturm auch in der Morgendämmerung kein Einsehen mit uns, so dass wir den Pollux (4092 m) um 7:00 Uhr sinnvollerweise liegen lassen und uns bei den aktuellen Bedingungen auf den Weg auf die nochmals erschwerte Durchsteigung der Castor Nordwestflanke machen. Die 500 m hohe Wand aus Firn und Eis steilt sich passagenweise 50-55° auf. Es muss konzentriert gesichert werden. Acht Seilschaften drängen sich in der Mitte der Wand durch ein schmales Colouir von wenigen Metern, welches eine Firnauflage trägt. Die Philosophie des Sicherns in Steileispassagen vieler Seilschaften, die in bester Luis Trenker- Manier eben ungesichert gehen, läßt uns kopfschüttelnd zurück und sollte uns bis zum Schluss der Tour begleiten. Mit einem Südtiroler Bergführer sind wir die Einzigen, die den Steilaufschwung gesichert gehen. Als die Gefahr eines Mitreißsturzes durch über uns bastelnde Seilschaften zu gefährlich wird, brechen wir im Parallelstieg in der steilen Wand (kurzes straffes Seil) nach rechts weg und dann direkt gerade hoch zum Gipfel. Peter bringt uns auf das winzige Gipfelplateau (4228 m). Hier fegt uns der Orkan fast runter und nach wenigen Sekunden setzten wir den Weg mit dem Abstieg fort. Der Getränkeschlauch der Trinkblase ist ohnehin schon seit Stunden eingefroren, so dass wir bis in den gefahrlosen Windschatten einer Riesenwächte absteigen und uns dort eine 1/2 Stunde Pause gönnen. Puh!

Entgegen der Nordwand folgt der Abstieg über eine steile aufgeweichte Südflanke und es folgt ein elend langer Abstieg zum Ref. Quintino Sella (3.585 m).

Tag 4:

Aufruch mit Matterhorn
Foto: Peter Männel

Natürlich haben auch wir mit der Lyskammtraverse geliebäugelt. Aber wir erkannten einstimmig, dass bei dieser extremen Windlage und den Schneemassen eine Überschreitung nur den allerbesten Bergsteigern vorbehalten war. Nur zwei Seilschaften machen sich an diesem Tag auf den Weg zum Lyskamm, die wir als kleine Punkte ausmachen konnten. Alle anderen, so auch wir, hatten die nächste Nordwand zum Il Naso vor der Brust. Und die sollte noch knackiger werden, als die des Castors am Vortag.

Uns bot sich dieselbe Szenerie, nur ging es durch diese 350 m Wand nur exakt in der Falllinie hoch. Zuerst führte Matti einen Felsgrat in vereister Kletterei (die drei Friends, die er die gesamte Tour mitschleppte, machen sich bezahlt), dann durch die Firnflanke mit drei Seillängen via Eisschrauben gesichert. In diesem Moment am Gipfel fiel zum ersten Mal etwas Anspannung der letzten Tage ab. Der Wind war zurückgegangen und bei gleißendem Licht blickten wir im Rund vom Gran Paradiso über Mont Blanc, Matterhorn bis zur Weissmies; unglaublich, wunderbar schön. Peter meinte, ganz hinten am Horizont auch die Adriaküste erkennen zu können?! Die aufgeweichte Südflanke kannten wir schon von gestern und der Abstieg zur Mantovahütte (3498 m) wurde weicher und tiefer. Die Beine funktionierten wie Schweizer Uhrwerke und wir hingen noch die Vincentpyramide (4215 m) an. Und abends gab`s was…leckere Spagetti, sogar mit frischem Parmesan.

Tag 5:

Gipfelglück auf der Parrotspitze
Foto: Peter Männel

Die hygienischen Zustände auf den Hütten zollten bei Matti in dieser Nacht ihren Tribut. Wasser ist sowieso Mangelware in dieser Höhe und italienische Plumpsklo`s tun das Übrige. Mit halber Kraft spulten wir die 1500 HM bis zum Balmenhorn ab. Vorbei an riesigen Seracs und Megaspalten. Snickers und viel Tee brachten bei Matti die Kräfte zurück und in der Folge wurden bei bestem Wetter Balmenhorn (4167 m), Corno Negro (4.322 m) und Ludwigshöhe (4.344 m) bestiegen. Johanna führte uns in der Folge auf die Parrotspitze. Eine lange Himmelsleiter; der Grat nicht breiter als 1 1/2Bergstiefel und zu beiden Seiten der rasante Blick in nichts. Voll konzentriert immer zum Sprung bereit, sollte einer aus unserer Seilschaft in Richtung Abgrund rutschen. Am Gipfel tropften einige Freudentränen in den Pulverschnee. Wir hatten neben einer exzellenten Kondition auch das richtige Gespür und die notwendige Erfahrung sehr vieler Hochtouren, jeder mit seinen individuellen Stärken und Schwächen. Ein besonderes Seilschaftserlebnis.

Auf schmalem Grat
Foto: Peter Männel

Nach der motivierenden Überschreitung war dann auch wieder Kraft und Mut da, die Tour final beenden zu können. Nach weiteren Auf- und Abschwüngen und diverser Kilometer bogen wir kurz vor der Signalkuppe noch zur Zumsteinspitze (4.563 m) ab. Eine Kombination aus Firn- und Felsgrat setzte diesem Tag die Krone auf. Dann erfolgte der Aufstieg zu unserer letzten und höchsten Hütte, Capanna Regina Margherita (4.554 m), die wie ein Adlerhorst seit 1893 auf einem schmalen Grat thront. Die letzten Meter auf den vom Hüttenpersonal geschlagenen Stufen durch eine 50° Flanke und es darf ein wenig gefeiert werden. Schlafen ist in dieser Höhe sowieso nur sehr schwer möglich. Es brummt der Kopf und bummert das Herz. Aber egal, morgen steigen wir ab ins Tal.

Tag 6:

Zermatt hat uns wieder
Foto: Peter Männel

Es ist saukalt und der Wind pfeift. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen als wir uns auf die 2000 HM und den 13 km langen Abstieg über den von Spalten zerklüfteten Lysgletscher machen. Peter`s Sonnenbrille machte sich nach einem „Stolperer“ vom Kopf aus selbstständig und nach einer langen Abfahrt verschwindet sie mit einem Schanzensprung in der Tiefe des Gletschers. Weder den Stolperer noch den Brillenverlust hätten wir vorher gebrauchen können. An der Monte Rosa Hütte entledigen wir uns nach 6 Tagen der Steigeisen. Noch 6-7 km durch das Gletscherwirrwarr und einen 400 m Gegenanstieg. Dann gönnen wir uns, zurück in der Zivilisation, für die letzten 1000 HM eine Zahnradbahn für sagenhafte 51,- CHF p.P.

Wieder in Zermatt gab es zur Ankunft Dosenbier und Burger… keine Spagetti!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. Dezember 2018