Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2018
Hochtourengruppe

Mit der Hochtourengruppe im Zillertal

Aus dem Tagebuch eines Hochtouren-Neulings

Tanja Bolm

Steigeisen, Eispickel, Helm und Schraubkarabiner standen in diesem Sommer erstmals auf der Packliste – ein deutlicher Unterschied zu meiner gewohnten Vorbereitung.

Doch zunächst einen Schritt zurück! Beim alljährlichen Planungsabend vergangenen November gab es ein überaus attraktives Angebot von Klaus Steube: Bergsteigen im Zillertal - für Einsteiger und Fortgeschrittene gleichermaßen geeignet. Mit null Erfahrung auf einen Gletscher? Das sprach mich an, passte terminlich – die Hand war gleich gehoben und mein Name notiert.

Steinkunst auf dem Petersköpfle, dahinter der Zillertaler Hauptkamm
Foto: Klaus Steube

In den nachfolgenden Wochen trudelten peu …peu die relevanten Informationen und Abfragen vom Organisator ein; die Tour puzzelte sich zusammen: Wann geht’s los, welche Berghütten sollen gebucht werden, welche Ziele rund um die Hütten sind möglich und welches Equipment ist einzuplanen.

Weitere Updates über aktuelle Planungsstände folgten, die überaus hilfreich waren – plus verschiedenster Anregungen nebst Angebote zur bestmöglichen Vorbereitung auf das „Abenteuer Gletscher“: Kletterkurs in der Güldenstraße, diverse Abseilübungen im Harz und „Spaltenbergung“ an der Kletterwand – bis hin zum Materialverleih. Dazu kam eigenständiger Konditionsaufbau durch Schwimmen, Radeln, Wandertouren. Auch wenn viele Termine zusammenkamen, so war das Vorbereitungsprogramm vorausschauend und genau richtig!

Pünktlich zum 18. Juli war der Rucksack gepackt, die Startzeit der Fahrgemeinschaft von Annette, Klaus, Matze und mir abgesprochen und los ging es gut 800 km gen Süden. Heiko, Chef der Dominikushütte am Schlegeisstausee erwartete uns.

Nach einer entspannten Nacht sattelten wir unser Gepäck, das phasenweise mit bis zu sieben Kilo an zusätzlichem Material ungewohnt viel wog, um zum Friesenberghaus aufzusteigen. Der Nachmittag bot Raum und Zeit für einen Abstecher zum Petersköpfle auf 2.679 m. Steinmännchen, wohin das Auge reichte. Wir wurden Zeuge, wie einem eben noch bewunderten Steinhasen der Kopf abfiel. Knödelvariationen und Kaiserschmarrn am Abend - ein Gedicht! Vor dem Hüttenwechsel zur Olperer Hütte am nächsten Tag hatten Anette und ich unseren ersten 3.000er am Vorgipfel des Hohen Riffler in der Tasche – Klaus und Matze mit dem Gipfel noch 231 m mehr. Dann der Wetterumschwung. So liefen wir nachmittags durch Regen mit Gegrummel zu Hütte Nr. 3, auf der sich später unser Gruppenlager um Juliane, Kathrin und Lars erweiterte.

Auf dem Gletscher vor dem Schwarzenstein
Foto: Klaus Steube

Am Fuß des Olperers blieb es die nächsten zwei Tage regnerisch, wodurch wir kleine Programmänderungen vornehmen mussten. In voller Montur konnten Anette, Kathrin und ich – angeleitet durch Lars und Klaus – erste Gehversuche auf dem Gletscher machen - zunächst allein, dann in einer Seilschaft - und bekamen zudem eine fundierte Einführung ins Eisschraubensetzen.

Das Hüttenprogramm bestand u. a. aus Kartenund Kompasskunde vor der Panoramascheibe und dem Durchprobieren der regionalen Spezialitäten (fest und flüssig).

Tag 6 hieß absteigen, am Auto umpacken und auch umparken. Vom Gasthaus Breitlahner ging es bei Nieselregen gut 800 Höhenmeter aufwärts zur angestrebten Berliner Hütte. Unter die Überschrift „Behaglich & köstlich“ kann die zwischenzeitliche Einkehr auf der Alpenrosenhütte gestellt werden. Kurz darauf treffen wir auf Tanja und Stefan. Kathrin, die über Furtschlagelhaus und Schönbichler Horn (in zwei Tagesetappen) einen anderen Zustieg genommen hatte, kommt uns auf den letzten Metern entgegen. Der ungewöhnlich stattliche Anblick der Berliner Hütte aus der Gründerzeit überrascht nicht wenige; ihre Geschichte - mehr als lesenswert!

Melcher Scharte mit Zsigmondyspitze
Foto: Klaus Steube

Vervollständigt um Birgit, Petra und Hans sind wir dann komplett. Die erste abendliche Zusammenkunft ist zum Abklopfen von individuellen Ideen, Wünschen bzw. Plänen gedacht. Zweien steht am nächsten Tag der Sinn aufs Schönbichler Horn (3134 m); der Großteil wandert zunächst gemeinsam bis zum Schwarzsee und teilt sich dort. Die Kletterfraktion, hat die 3.089 m hohen Zsigmondyspitze zum Ziel, während andere weiter bis zur Melcher Scharte, dem Plattenkopf, sowie zur Mörchenscharte gehen.

Der Mittwoch bietet weitere Übungsmöglichkeiten für sicheren Schritt und guten Tritt: Über Blockgestein geht’s zum Hausberg, mit anschließender nachmittäglicher Kletterpartie im Klettergarten. Parallel dazu hatte sich die erste Gruppe (Petra, Kathrin, Hans,) zur Gletschertour auf den Schwarzenstein (3369 m) aufgemacht. Dem folgen Klaus, Lars, Matze und ich am frühen Morgen des Folgetages, anfangs bei schwachem Regen, später teilweise dichtem Nebel und am Ende Sonnenschein. Was zu viert beginnt, endet als Dreierseilschaft am Gipfelkreuz des Schwarzensteins, da sich bei Lars bedauerlicherweise eine Schuhsohle löste.

Am Gipfel des Schwarzensteins
Foto: Tanja Bolm

Die Aussicht ist großartig, reicht bis weit nach Italien und macht damit den langen, vierstündigen Aufstieg bis zum ersten Schneefeld, die schlechten Sichtverhältnisse oder Wegfindungsschwierigkeiten auf dem Gletscher allemal wett. Nach insgesamt elfstündigem Trip wieder zurück auf der Hütte, erfahren wir, dass es sich die anderen bei einem Rundgang zum Alpenrosenwirt gutgehen lassen haben.

Berliner Hütte
Foto: Klaus Steube

Ein gemütlicher Abend im „Damensalon“ der Berliner Hütte mit interessanten Geschichten unserer charmanten Bedienung über das saisonale Hüttenleben, eine letzte Übernachtung in 2.040 m Höhe – dann folgen Abschiednehmen und Abstieg in verschiedenen Kleingruppen, die alle unterschiedliche (Heimreise-) Pläne verfolgen. Unsere Viererbesetzung wird noch kurzentschlossen eine Zwischenübernachtung im Frankenjura einlegen und etwas entspannt klettern. Mit einem deftigen Abendessen und fränkischem Bier enden dann eineinhalb abwechslungsreiche Urlaubswochen.

Beim Schreiben dieses Berichts wird mir einmal mehr bewusst, um welche großartige Erfahrung ich mich in diesem Sommer bereichert fühlen durfte. Aber auch, welchen Mut und welche Kompetenzen es braucht, Hochtouren-Neulinge mitzunehmen – ohne zu wissen, was sie (leisten) können bzw. was ihnen zuzutrauen ist. Bereits unterwegs war mehr als einmal klar geworden, dass sich die gut angeleitete Vorbereitung sowohl in technischer, konditioneller als auch materieller Hinsicht ausgezahlt hat und eine Tour über einen Gletscher nicht zuletzt aufgrund möglicher Spalten mit einem ernstzunehmenden Risiko behaftet ist.

Daher antworte ich auf die Frage: „Würdest Du es wieder tun?“ mit „Ja, wenn sich jemand traut, mich als Anfängerin mitzunehmen, der sich der damit einhergehenden Verantwortung bewusst ist“. Mit Sicherheit habe ich seit dem Zillertal einen wertvollen Erfahrungsschatz dazugewonnen, kann mich zudem weiter belesen oder im Fachgeschäft beraten lassen. Aber es bleibt, dass ich vieles, was zu einer umsichtigen Hochtour gehört, (noch) nicht wissen kann und daher auf die freizügige Erfahrungsweitergabe kompetenter, „alter“ Hasen angewiesen bleibe.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. Dezember 2018