Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2018
Skigruppe

Eine Wander- und Kulturwoche im Zittauer Gebirge

Helmut Kähler
Umgebindehaus in Waltersdorf
Foto: Walter Sprenger

Nur wenige aus der Skigruppe wussten, dass es im südöstlichen Zipfel von Sachsen, im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien eine Mittelgebirgslandschaft von ganz besonderem Reiz gibt. Wie sonst ist es zu erklären, dass der Vorschlag „Zittauer Gebirge“ von Walter Sprenger einige Jahre nahezu unbeachtet in der von Hermann Fischer sorgfältig geführten Vorschlagsliste der Skigruppe stehen konnte.

Hier, im Oberlausitzer Bergland-Zittauer Gebirge, bilden vulkanische Restberge und märchenhafte Felsengebilde eine imposante und zugleich anmutige Landschaft. Hier schmiegen sich idyllische Dörfer, deren Ursprünglichkeit durch die Umgebindehäuser mit ihren prunkvollen steinernen Türstöcken aus heimischem Sandstein und blumenreichen Vorgärten in die weiten Täler zwischen den Bergen. Hier entstehen eindrucksvolle Begegnungen mit Historie und Architektur. Das Zittauer Gebirge ist ein Granitmassiv, worauf sich in der Kreidezeit mehrere hundert Meter Sandschichten ablagerten. Druck und chemische Prozesse pressten diese zu Sandstein, das Wetter formte daraus die phantasievollen bizarren Sandsteinformationen.

Unsere Gruppe von 28 Personen
Foto: Helmut Hielscherr

So folgte eine Gruppe von 28 Personen Elsbeth und Walter, welche diese Wander- und Kulturwoche mit besonderer Sorgfalt fürs Detail erarbeitet hatten, Anfang September bis aufs äußerste neugierig, erwartungsvoll nach Waltersdorf. Die beiden Organisatoren hatten beste Gebietskenntnisse von vorhergehenden Reisen. Helga und Richard von der Wandergruppe der Sektion waren unsere Gäste, Regina und Manfred aus Berlin wie stets dabei. Eine lange Anreise aus München hatten Britt und Hermann zu unserer freudigen Überraschung nicht gescheut.

Die Zierde von Waltersdorf sind besonders schöne Ensembles von Umgebindehäusern, eine jahrhundertealte Volksbauweise. Sie stellt eine in Deutschland einmalige Verbindung von Fachwerk und Blockbauweise dar, was die klimatischen Eigenschaften extrem verbessert. Sie sind zudem anschauliches Zeugnis dörflicher Lebensart, denn sie waren früher nicht nur Behausung, sondern in ihnen erfolgte die traditionelle Oberlausitzer Handweberei. Das Hotel „Hubertusbaude“ mit traumhaftem Standort und atemberaubendem Blick über die Oberlausitz hatten Elsbeth und Walter ausgesucht. Bei herzlichem Ambiente und köstlicher Küche genoss die Gruppe mit allen Sinnen den Aufenthalt. Zur Einführungstour führte uns Gerd von der Zittauer Sektion, den Walter gewonnen hatte, zunächst vom Hotel direkt auf die Lausche, dem mit 793 m höchsten Berg der Oberlausitz. Ursprünglich war es ein Vulkan. Gerd, natürlich ein hochkompetenter Gebietskenner der Oberlausitz, prüfte unsere Oberschenkel und Lungen auf ihre Bereitwilligkeit. Auf den baulichen Resten der ehemaligen, äußerst beliebten Lauschebaude standen wir dann, um eine fast 360° Rundsicht auf Berge, Kuppen, Hügel und Ortschaften Tschechiens und Deutschlands zu genießen. Hinab ging es auf der tschechischen Seite zur Mittagsrast in einem Gartenrestaurant. Über den Dreiherrenstein, wo sich einmal drei Hoheitsgebiete trafen, ging es zurück zum Hotel.

Webstuhl Oberlausitzer Handweberei
Foto: Walter Sprenger

Im Nachbarort Großschönau besuchten wir das Deutsche Damast- und Frottiermuseum. Im sog. „Kupferhaus“ einer ehemaligen Damastfabrik, zwischen idyllischen ortstypischen Umgebindehäusern an der Mandau gelegen, führte uns ein fachlich hochqualifizierter Museumsführer durch vier Jahrhunderte deutscher Textiltradition. In Großschönau war die größte Damastmanufaktur auf deutschem Boden.

Mit begeisternder Redefertigkeit – und Gewandtheit gab er uns Einblicke in die Deutsche Textilgeschichte. Wir erfuhren, dass die Großschönauer schon 1666 begannen, echten Damast zu weben, dass zeitweise auf fast eintausend Webstühlen vor allem hochwertige Textilwäsche hergestellt wurde. Dieses geschah ausnahmslos in den Umgebindehäusern, den Heimstätten der traditionellen Oberlausitzer Handweberei. Die Großschönauer hüteten ihre Muster auf den Webstühlen wie ihre Augäpfel, alles war einst geheim. Er führt uns auf originalen Webstühlen sogar die Herstellung von Damast vor. Auch die Frottierweberei hat lange Tradition.

Wildromantische Welt der Felsen
Foto: Brigitte Kähler-Bock

Der Besuch der Ruinen der böhmischen Königsburg und des Klosters auf dem einen Bienenkorb ähnelnden, aus dem Tal ragenden Berg Obyin , war ein besonderes Erlebnis. In spielerischer Laune hat die Natur diesen wetterzerfurchten Berg geschaffen, der als Perle der Oberlausitz gilt und der einst sogar das Ausflugsziel der sächsischen Könige war. Errichtet wurde die Burg zu Beginn des 14. Jahrhunderts und ein halbes Jahrhundert später stiftete der deutsche Kaiser Karl IV das Kloster. Im 16. Jahrhundert wurden die Bauwerke durch Blitzschlag zerstört. Erst Jahrhunderte später wurden sie von den Malern der Romantik, wie z.B. C. D. Friedrich und C.G. Carus, wiederentdeckt.

Ein großes Erlebnis war schließlich die beeindruckende Grazer Felsenlandschaft. Wieder von dem sympathischen Führer Gerd geleitet, erlebten wir eine wildromantische Welt der Felsen. Man hatte ihnen phantasievolle Namen gegeben, wie „Brütende Henne“, „Papagei“ und „Schildkröte“. Den „Scharfenstein“ nennen sie auch „Lausitzer Matterhorn“.

Der Abschluss unserer gemeinsamen Unternehmungen war die Fahrt mit der Schmalspurdampfbahn, im Volksmund „Bimmelbahn“ genannt, nach Zittau. Die Stadt wurde einst von den Nachbarstädten ehrfurchtsvoll die „Reiche“ genannt. In der historischen Altstadt zeigte sich die Berechtigung. Das im Stile eines italienischen Palastes neu errichtete Rathaus prägt ebenso wie die doppeltürmige Johanniskirche das Stadtbild. Im eigens dafür geschaffenen Museum bewunderten wir das berühmte „Große Zittauer Fastentuch“. Das 8,20 m x 6,80 m breite textile Kunstwerk aus dem 15. Jahrhundert zeigt 90 Szenen aus dem alten und neuen Testament.

Ein bemerkenswert guter Geist begleitete diese wunderschöne Wander- und Kulturwoche in die abwechslungsreiche Mittelgebirgslandschaft aus Granit und Sandstein. Für alle Teilnehmer war es eine besondere Bereicherung, danke Elsbeth und Walter!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. Dezember 2018