Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2019
Hochtourengruppe

Tourenwoche in den Schladminger Tauern

Jens Köhler

Vom Samstag, 1.September bis zum Sonntag, 9.September 2018, waren acht Mitglieder der Hochtourengruppe in einem bisher sträflich vernachlässigten Gebiet unterwegs: in den Schladminger Tauern im österreichischen Bundesland Steiermark. Kathrin Müller sowie Klaus und Moritz Schmalstieg reisten aus Braunschweig an, während Holger Blume, Ronald Scheffler, Gerhild Jüttner, Max Kleine und Jens Köhler eingelaufen – auch wegen des dortigen Dauerregens! – aus dem Lechquellengebirge bei St.Anton am Arlberg eintrafen.

Hochwildstelle mit Wasserfällen
Foto: Jens Köhler

Die Autos fanden am Sonntagmorgen einen kostenfreien Stellplatz im Ort, mit dem Wanderbus fuhren wir bei Dauerregen nach Aich. Ronald und Holger „mogelten“, sie blieben einfach im Bus sitzen, der bis kurz vor den Steirischen Bodensee fuhr. Die anderen wanderten die ersten ehrlichen steirischen Kilometer durch leichten Sommerregen. Ab dem Bodensee ließ der Regen endlich nach, und eine traumhafte Bergkulisse begann sich zu entblättern. Rechts von gewaltigen Wasserfällen stiegen wir zur urigen Hans-Wödl-Hütte (1.533 m) auf. Im Laufe des Abends verschwanden immer mehr Wolken, und die Kulisse wurde immer spektakulärer, bis irgendwann der Hüttensee, zwei darüber drapierte Wasserfälle und ganz oben die 2.747 m hohe Hochwildstelle herauskamen, dem höchsten innersteirischen Gipfel, wie der Hüttenwirt Sepp immer wieder stolz betonte.

Preintaler Hütte mit Waldhorn-Alm
Foto: Jens Köhler

Am Montagmorgen zunächst ein langer Aufstieg zur Neualmscharte (2.474 m). Bis dahin hatten wir gutes Wetter, und wir wollten zumindest bis zur Kleinen Wildstelle hinauf, da die Hochwildstelle noch im Nebel lag. Klaus hatte den richtigen Wetterriecher und stieg gleich zum Tagesziel, der Preintaler Hütte ab, die anderen wollten den Nieselregen in höherer Luft austesten. Gerhild und Moritz drehten nach der Kleinen Wildstelle um, Max, Ronald, Holger, Kathrin und Jens erklommen bei Nebel die Hochwildstelle. Die drei letztgenannten nahmen auch ihr Gepäck mit, um mit dem Abstieg über den Südgrat die Überschreitung zu komplettieren, bei den Wetterverhältnissen kein einfaches Unter- fangen. Bei Dauerregen trafen alle klitschnass zeitversetzt an der Preintaler Hütte ein. Die Hütte war randvoll mit Wanderern, überall hingen nasse Klamotten herum.

Für den Dienstag war Weltnaturerbe angesagt: Der Klafferkessel mit seinen unzähligen kleinen Seen, in denen sich der blaue steirische Himmel wiederspiegelt. Na ja, so zumindest der Werbeprospekt. Mit dem Wetter hatten wir zwar deutlich mehr Glück, was aber nur bedeutete, dass wir mal keinen Dauerregen, sondern nur eine Mixtur aus Nebel und Nieselregen hatten. Am Greifenberg gab es an einigen Kletterstellen tatsächlich was zu greifen, aber ansonsten sahen wir an diesem Tag eigentlich nichts von der wundervollen Landschaft. Definitiv ein Grund, nochmal wiederzukommen! Wir erreichten die Gollinghütte sehr zeitig bereits um 13:00 Uhr, der Rest des Tages klang mit Lesen, Würfeln und Kartenspielen aus.

Gerhild, Jens, Max, Kathrin, Moritz, Holger und Ronald auf dem Hochgolling
Foto: Jens Köhler

Welches Wetter würde der Mittwoch bringen? Es stand mit 15 km und 1.500 Höhenmetern die Königsetappe auf dem Programm, mit der Chance, mit dem 2.862 m hohen Hochgolling den höchsten Gipfel des ganzen Gebiets zu besteigen. Und Petrus hatte ein Einsehen! Diejenigen von uns, die aus dem Lechquellengebirge kamen, hatten nun schon fünf Regentage hinter sich, es musste ja mal vorbei sein. Bei wolkenlosem Himmel stiegen wir zur 2.325 m hohen Gollingscharte auf. Dort Materialdepot, Klaus blieb als „Wachhund“ zurück und machte Pause in der Sonne, die anderen erklommen den Hochgolling. Besonders reizvoll war die Strecke über den Nordwestgrat, ein markierter, aber gänzlich unversicherter Steig mit etlichen IIer-Stellen, die das Bergsteigerherz höher schlagen ließen. Oben konnten wir noch etwas Aussicht genießen, ehe sich alles in Nebel hüllte.

Am Duisitzkarsee
Foto: Jens Köhler

Also wieder runter in die Scharte, wo Klaus schon auf uns wartete. Gemeinsam setzten wir nun den Weg zur Duisitzkarseehütte am gleichnamigen Gewässer fort. Bei heiterem Himmel machte das jetzt richtig Spaß, eine lange Pause machten wir in der Trockenbrotscharte auf 2.237 m Höhe. Eine Dreiviertelstunde später standen wir in den Almhängen des Obertals und blickten hinab in eine steile Wiese. Jens' Garmin behauptete, dort befände sich ein Fahrweg. Nun, Max, Kathrin, Holger, Ronald, Gerhild und Jens machten das beste daraus und stiegen das steile Gelände hinab. Sie wurden durch kirschgroße Heidelbeeren belohnt. Bewirkt das der Kuhdung? Unten am Almbach angelangt ein kurzer Abstieg auf einer Fahrstraße, dann weist ein Schild nach links: Duisitzkarsee anderthalb Stunden. Was, so weit noch? Laut Karte ist das doch gleich um die Ecke? Aber es wurde dann doch ein richtiger Schlauch, viel Auf und Ab, aber dafür meistens Schatten. Nach so einem langen Wandertag kam uns das Fleckchen am Duisitzkarsee wie das Paradies auf Erden vor, die Grenze zum Kitsch war zum Greifen nah, an manchen Stellen wurde sie auch mal überschritten.

Moritz, Kathrin und Jens auf der Steirischen Kalkspitze
Foto: Jens Köhler

In der Nacht kamen die Sterne raus, nur das enge Lager ließ die meisten nicht viel Schlaf finden. Der Donnerstag war als kurzer Tourentag nach vier langen Etappen konzipiert. Vom Duisitzkarsee ca. 400 Meter zu einer aussichtsreichen Scharte empor, danach durch gemütliches Gelände gemächlich bergab zum Unteren Giglachsee, kurzer Aufstieg, und schon war das Tagesziel, die Ignaz-Mattis- Hütte, erreicht. Nach dem Beziehen des Lagers brachen Kathrin, Moritz und Jens noch zu einer kleinen Tour auf die 2.459 m hohe Steirische Kalkspitze auf. Eine gute Entscheidung, denn die Sicht war ausgesprochen gut und reichte bis in die Berchtesgadener Alpen, mit bloßem Auge waren z.B. die markanten Teufelshörner zu erkennen.

Für den Freitag war noch einmal ein Regentag angesagt. Der Hüttenwirt beteuerte uns aber, dass der Samstag wieder schön würde. Die Vorhersagen bewogen Max, Holger, Moritz und Klaus, den einfachen Abstieg nach Schladming durch das Tal des Giglachbachs zu wählen. Die anderen vier wollten aber unbedingt die Tourenwoche mit dem Kammweg zum Hochwurzen abschließen. Es wurde eine „Hier kommen wir nochmal her, wenn es schön ist“-Wanderung. Die letzten anderthalb Stunden ging es durch starken Regen bergauf und bergab zum Hochwurzen. Der letzte Anstieg verlangte das letzte Quäntchen Moral ab, ehe die Einkehr in der geheizten Hochwurzenhütte die Erlösung brachte. Eine Seilbahnfahrt und noch vier Kilometer durch sanfte Hügel später waren alle wieder unten in Schladming.

Während Klaus und Moritz schon am Samstag gen Heimat fuhren, hatten die anderen diesen Tag für eine optionale Besteigung des Dachsteins über den Johann-Klettersteig vorgesehen. Der Hüttenwirt der Ignaz-Mattis-Hütte sollte Recht behalten, das Wetter war stabil, wenn auch der Gipfel leider ganztägig in den Wolken versteckt blieb. Aber der Fels war trocken, und so konnten wir es wagen. Der „Johann“ ist mit der E-Stelle in seinem Einstieg nicht zu unterschätzen, hier sind Balancegefühl und viel Armkraft gefragt. Die meisten überwanden diese Schlüsselstelle ohne zusätzliche Unterstützung, in einem Fall konnten glücklicherweise zwei nachfolgende Klettersteiggeher helfen. Nach Erreichen der Dachsteinwarte machten sich Max und Kathrin sogar noch auf zum Dachsteingipfel über den Schultersteig. Die anderen begnügten sich mit dem absolvierten Johann-Klettersteig und trotteten über das Gletscherplateau zur Bergstation der Seilbahn. Am Abend trafen sich alle wieder im Gästehaus in Schladming. Nach einem kulinarischen Ausklang im Schladminger Stadtbräu am Abend traten wir am nächsten Morgen die Heimfahrt bei schönstem Sommerwetter an, bis wir uns am „Bayerischen Meer“ mit den Chiemgauern im Rückspiegel von den Bergen für diesen Sommer verabschieden mussten.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 17. Februar 2019