Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2019
Allgemein

Richard Goedeke 80 Jahre

Walter Sprenger
Richard Goedeke

Walter Sprenger, ehemaliger Erster Vorsitzender

„Wen die Götter lieben, dem schenken Sie ein Kletterseil, dem schenken sie zu seiner Naturliebe und Bergbegeisterung eine flotte Feder und die Kunst des Formulierens und Schreibens.“ So hat es Klaus Prenner, unser ehemaliger zweiter Vorsitzender, in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Richard Goedeke vor fast acht Jahren sehr originell und liebenswürdig zum Ausdruck gebracht.

Diese Erkenntnis einer göttlichen Fügung kann man auch auf unsere Sektion, auf die Sektion Braunschweig des Deutschen Alpenvereins, anwenden. Sinngemäß etwa wie folgt. Die Götter, weltlicher ausgedrückt, das Schicksal hat es gutgemeint mit unserer Sektion: Vor nunmehr 64 Jahren hat es den Richard Goedeke zu uns geführt. Eigentlich wollte der ja zur See fahren. Darauf war er gekommen, als die Mutter mit dem Jungen mit der eher schwächlichen körperlichen Konstitution - Richards eigene Worte - zur Erholung an die Nordsee gefahren war. Allerdings hatte Mutter Goedeke Probleme mit diesem Berufswunsch, hätte er doch zur Folge haben können, dass sie ihren Sohn in absehbarer Zukunft nur noch selten zu Gesicht bekommen würde. So fuhr sie dann mit dem heranwachsenden Knaben in die Alpen. Zunächst ins Allgäu und zwei Jahre später ins Berchtesgadener Land. Von Meereshöhe Null bis fast in die Region der Dreitausender. Stieg mit ihm auf bis zum Hocheck des Watzmanns. Das Weitergehen auf dem gefährlicheren Weg zum Mittelgipfel hat sie dem noch Unerfahrenen untersagen müssen. Aber die Gipfel der faszinierenden Bergwelt rund um den Watzmann, wie der Hohe Göll, der Hochkalter, vielleicht auch das tiefe Gerölltal zwischen Watzmann und Hochkalter - die Wimbachgries - haben den empfindsamen Knaben tief beeindruckt. Als er dann nach der Fahrt über den Königssee an der Eiskapelle unterhalb der Watzmann-Ostwand angekommen war, stand es für ihn fest: Die Berge sind es, nicht das Meer. Durch diese steile Wand will ich rauf zum Gipfel des Watzmanns.

Das kann ich gut verstehen, denn in meinen ersten Sektionsjahren bin ich mit meinem Bruder Robert, dem Jugendfreund Männi Voges und seinem Vater Dr. Hermann Voges, zu jener Zeit Vortragswart der Sektion, auf genau denselben Pfaden gewandert. Allerdings ohne wie Richard diesen „irren Sog zu verspüren“, auf diesem Weg unbedingt auf den Gipfel zu steigen.

Nur zwei Jahre nach seinem Eintritt in unsere Sektion und nach dem Abschluss einer Jugendgruppenfahrt schlug er sich durch nach Berchtesgaden und stieg auf dem Berchtesgadener Weg durch die Watzmann-Ostwand hinauf zur Südspitze. Das „unerreichbar erscheinende Traumziel“ war erreicht. Ansporn für vieles mehr in der Zukunft.

Mit den Jahren ist aus dem jugendlichen Mitglied ein passionierter Bergsteiger geworden. Ein Bergsteiger, der nicht nur zu seiner eigenen Befriedigung zahllose Gipfel bestiegen hat, der auf unendlich viele Erstbegehungen in den Alpen und auch in den uns nahen Mittelgebirgen – z.B. am Okertaler Matterhorn und am Schlafenden Löwen – zurückschauen kann. Richard, das soziale Wesen, wollte seine alpine Begeisterung und seine Erfahrungen auch an die Jugend der Sektion weitergeben. Dafür übernahm er das Amt des Jugendleiters, später des Jugendreferenten, und motivierte zahlreiche Jugendliche in die Berge zu gehen. Es ihm gleich zu tun und wie er, die Welt der steilen Wände, Gipfel und Gletscher zu erkunden. Das tat er auch in seinem Beruf als Lehrer am Hoffmann von Fallersleben Gymnasium in Braunschweig. Ein sehr originelles und extremes Beispiel: Stafettenlauf mit Schülern zur Zugspitze.

1989 - Menschenkette am Montblanc
Archiv Goedeke

Logische Konsequenz: Auf dem Hintergrund seiner starken Naturerlebnisse verschrieb er sich dem Naturschutz. Setzte sich ein für die Erhaltung der Ursprünglichkeit der Alpen. War Mitbegründer der Organisation „Mountain Wilderness“. Demonstrierte an der Aiguille du Midi gegen die kommerzielle Weitererschließung der Gletscherwelt am Montblanc. Auch bei der Aktion gegen die Skigebietserweiterung im Umfeld unserer Braunschweiger Hütte im Pitztal war er dabei. War wahrscheinlich der Initiator dieser Aktion.

Aber Richard handelte nicht nur gegen etwas. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe von Bergsportbegeisterten kämpfte er für die Erhaltung der niedersächsischen Klettergebiete in und rund um den Harz wie auch im Weserbergland. In der sogenannten Kletterkonzeption wurde eine Bestandsaufnahme aller niedersächsischen Kletterfelsen, der dort wachsenden schützenswerten Pflanzen und von allem, was dort kreucht und fleucht, erstellt. Auf der Grundlage dieser Bestandsaufnahme garantieren die im Landesverband Nord für Bergsport organisierten DAV-Sektionen den Schutz von Vögeln in der Brutzeit. Auch die Standorte geschützter Pflanzen werden nicht mehr begangen. Bei ungezählten Aktionen, viele davon unter seiner Leitung, wurde durch das Fällen verschattender Bäume – Birken und Fichten - die Biodiversität in den Klettergebieten deutlich gesteigert. Die Kletterjugend bis hin nach Holland und Dänemark ist ihm und den Mitstreitern zu großem Dank verpflichtet. Und natürlich auch die 60+ Kletterer der Sektion, die lieber am natürlichen Fels klettern als an den Plastikwänden mit den bunten Griffen.

Begonnnen hatten die Auseinandersetzungen um die Einschränkungen der Klettermöglichkeiten bereits Ende der 60er Jahre „im Kampf um die Felsheimat Hohenstein“. Auch hier war die Initiative von Richard gefragt. Nach vielem Hin und Her kam es letztlich zu einem für die Kletterer akzeptablen Ergebnis. Nur etwa ein Viertel der Wand wurde völlig gesperrt. Die getroffenen Vereinbarungen wurden Jahre später in der dafür geänderten Naturschutzverordnung rechtsgültig festgelegt. „…mit der Zonierung wurde der Prototyp einer konstruktiven Lösung im Konfliktfeld der Werte Naturschutz und Natursport Klettern erreicht“. (Spagat S. 96). Die zähe und nachhaltige Lobbyarbeit hatte sich ausgezahlt.

Parallel zu den zahllosen Erfolgen im alpinen Klettern und Bergsteigen entwickelte Richard seine zweite Kernkompetenz: Das Schreiben.

Angefangen hatte diese Entwicklung mit seiner Dissertation „Oberflächenformen des Elms“, bewaldeter Mittelgebirgszug südöstlich von Braunschweig, aufsteigend bis zu 323,3 m NHN. In den frühen 80er Jahren erschloss er über den Elm hinaus schreibend den Höhenbereich des Harzes mit verschiedenen Wanderführern. Und dann in den 80er Jahren wurde er parallel zu seinem hochambitionierten Klettern in den Alpen auch beim Schreiben hochalpin.

Zunächst konzentrierte er sich auf die Dolomiten mit einer Reihe von regional differenzierten Kletterführen. Dann ging`s hinauf in die Welt der 4000er, bestiegen auf Normalwegen. Unglaublich, dieser Führer brachte es bis 2014 auf 15 deutschsprachige Ausgaben. Dazu kamen noch einige fremdsprachliche Ausgaben. Bedauerlich, dass es in der Schweiz ein Ordensverbot gibt. Richard hätte sich dort längst einen Verdienstorden, z.B. des Wallis, verdient. Inzwischen hat Richard sich wieder schreibend auf seine niedersächsische Heimat konzentriert.

1976 - An der Großen Zinne
Archiv Goedeke

Ganz sicher auch eine Konsequenz des Älterwerdens. Auch ist er im Interesse der Verlängerung der Gebrauchsdauer seiner Gliedmaßen in den vergangenen 5 Jahren beim Wandern und Bergsteigen etwas zurückhaltender geworden. Nun scheint er im Harz schon mal die für Langschläfer geeigneten Pfade auszusuchen. Auch liebt er, was in „Winterfluchten“ beschrieben wurde, das Klettern mit warmen Händen: Klettern rund um das Mittelmeer.

Wie er das alles zusammengebracht hat, die berufliche Arbeit, die grüne Kommunalpolitik, das Bergsteigen und das Schreiben darüber und schließlich die ehrenamtliche Tätigkeit nicht nur in der Sektion sondern auch beim DAV in München, das grenzt an ein Wunder. Was ihn angetrieben hat, was ihn motiviert hat, das beschreibt er in seiner sehr lesenswerten Autobiographie „Spagat“ nachdenklich, anschaulich und packend. – Kaufen, Lesen!!!

In seinen „Nepal Notizen, mit Stift, Pinsel und Kamera“ entdeckt man mit Erstaunen eine weitere Begabung von Richard: Das Aquarellieren. Unglaublich, wie er bei anstrengenden Touren in gewöhnungsbedürftigen Höhenlagen – für viele Bergsteiger ein echtes „ survival training“ - mit dem Pinsel und leichter Hand Eindrücke auf den Karton zaubert.

Ja, Richard ist ein Multitalent. Eine Persönlichkeit, die in der respektorientierten Gegenwart wegen seiner Lebensleistung unseren allergrößten Respekt verdient. Aber nicht nur mit Respekt blicken wir auf ihn: Die, die ihn kennen, schätzen ihn auch wegen seiner offenen und persönlich zugewandten Lebensart. Das kommt auch in einer Reihe von Beiträgen von Freunden aus der Welt des Deutschen Alpenvereins sehr liebenswürdig und auch humoristisch zum Ausdruck, z.B. in der eingangs zitierten Laudatio von Klaus Prenner. Weiterhin in einem Beitrag von Peter Brunnert, „Da biste baff“, veröffentlicht im Jahrbuch 2019 des DAV. Eine sehr lesenswerte Würdigung zum 80. Geburtstag von Richard Goedeke. Und schließlich hat sich auch Andi Dick (Redaktion Panorama) vor 10 Jahren in Panorama 2/ 2009 sehr originell über unseren Geburtstagssenior ausgelassen.

Nun könnte ich mich noch über weitere Aktivitäten von Richard im Detail auslassen. U.a. wie es mit seiner Unterstützung zur Einrichtung der vor allem von der Alpenvereinsjugend hochgeschätzten Einrichtung des Zeltplatzes am Ith kam. Oder wie er am Romkerhaller Wasserfall zum Pionier des Eiskletterns wurde. Aber das würde eine unendliche Geschichte werden.

Daher genug der anerkennenden Worte. Wir alle, Vorstand, Gruppenleiter, Beiräte und die in der Sektion aktiven Mitglieder und auch ich, der „Ex-Häuptling“, wünschen dem „zerzausten Phönix“ – so bezeichnet er sich selbst im „Spagat“, nach vor wenigen Wochen erfolgtem Einbau eines Ersatzteiles – hoffentlich erfolgreich – weiterhin erlebnisreiche Tage in der Welt der Berge wie auch der Hügel. Physisch und psychisch hat er immer noch das Zeug dafür. Dennoch, seine Lebenspartnerin Jutta, die ihn schon auf vielen, auch sehr anspruchsvollen Berg- und Klettertouren begleitet hat, möge auf ihn achten, ihn gelegentlich zurückhalten und ihn vor körperlicher Selbstausbeutung schützen, zu der er ja Zeit seines bisherigen Lebens immer bereit war.

PS: Ein bisschen stolz sind wir ja auf ihn, auf den Richard.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 30. Mai 2019