Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2019
Hochtourengruppe

Im Schnee erst richtig schee!

Oder: Eine Solo-Watzmannüberschreitung unter Winterbedingungen

Peter Männel

Ich liebe Schnee. Schon lange wollte ich meine erste Winterbegehung starten, denn einsame statt überlaufene Gipfel üben einen magischen Reiz aus. Also las ich als Vorbereitung viele Erfahrungsberichte und beschäftigte mich ausgiebig mit dem Wetter und den Lawinenlageberichten. Stabile Schneeverhältnisse vorausgesetzt, erschien mir eine Überschreitung des Watzmanngrates gut machbar. Ich kannte die Tour ja schon von einer Überschreitung im Sommer 2015.

Das Vorhaben war beschlossen. Jetzt galt es nur noch, vor einem der wenigen freien Wochenenden das grosse Los bei der Wetterlotterie zu ziehen! Am letzten Märzwochenende 2019 war es endlich soweit, das Wetter passte perfekt. Um nicht direkt am Wochenende in oder vor einem überfüllten Winterraum am Watzmannhaus schlafen zu müssen, hatte ich noch den Montag und Dienstag freigenommen.

Nicht nur Gipfelkreuze machen glücklich!
Foto: Peter Männel

Längst war der Rucksack gepackt und das Auto mit vielerlei optionaler Ausrüstung vollgestopft. Nach einer kurzen Nacht starte ich Samstag früh um halb fünf in Braunschweig und komme schon um 10 Uhr in Ramsau an. Das lief ja glatt, also auf zu einer Eingehtour auf Schneeschuhen in Richtung Neue Traunsteiner Hütte (1660 m) und zurück. Gegen 17 Uhr wurde das gemütliche Quartier "Zur Seeklause" am Hintersee bezogen. Nach einem Spaziergang um den azurgrünen Hintersee gab es zum Abendessen einen sagenhaften Ochsenbraten. Was für ein schöner Auftakt!

Sonntag:

Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es entspannt um neun Uhr von der Wimbachbrücke in Ramsau (619 m) zum Watzmannhaus (1930 m). Anfangs noch ein normal-anstrengender Hatscher mit Schneeschuhen im sulzigen Tiefschnee, steilt das weglose Gelände kurz vor dem Ziel unvermittelt auf und fordert den vollen Einsatz der Harscheisen. Puh, so steil hatte ich das hier gar nicht in Erinnerung! Ein wenig außer Atem komme ich am Haus an und genieße die Pause in der kräftigen Märzsonne. Der Winterraum schaut nett aus, aber es ist noch früh am Tage und so beschließe ich, weiter zum Watzmann-Hocheck (2651 m) aufzusteigen. Für eine gemütliche Übernachtung in der kleinen Biwakhütte auf dem Hocheck bin ich gut ausgerüstet. Beim weiteren Aufstieg macht sich die Höhe bemerkbar - häufig japse ich nach Luft. Nach einer Weile zieht ein Tourenskigeher mit Tagesgepäck an mir vorbei und brummt ein "Servus" herüber. Für die nächsten 24 Stunden die letzte "Unterhaltung" mit einem Menschen. Genau das wollte ich ja: Drängeln sich hier zur Hochsaison täglich hunderte Bergbegeisterte, habe ich ab jetzt den Berg für mich alleine!

Mittlerweile laufe ich echt am Anschlag. Dann, fast genau 7 Stunden nach dem Start, kommt das Gipfelkreuz in Sicht. Ohne vorherige Höhenanpassung ist meine Leistungsgrenze definitiv erreicht und lässt mich kurz an der geplanten Überschreitung zweifeln. Die morgige Kletterei möchte ich eigentlich mit Reserven genießen, und nicht geradeso auf der letzten Rille schaffen.

Direkt hinter dem Vorgipfel taucht mein neugeplantes Domizil für die Nacht auf: eine winzige Holzhütte, die fast den gesamten Platz auf dem Grat einnimmt. Ui, die ist aber tief verschneit. Jemand hat fast 2 m tief gebuddelt, um die Tür freizubekommen. Allerdings vergebens, wie sich schnell herausstellt: Das Biwak ist fest verschlossen! Ja hol mich der Deifi... und nun? Wieder 800 m absteigen zum Winterraum der Watzmannhütte mit Holzofen und Matratzen, und morgen dann alles retour?

Holzhütte - tief verschneit und fest verschlossen ;(
Foto: Peter Männel

Ochnö... erstmal wird die Nachmittagssonne genutzt, um die nassgeschwitzten Klamotten auf dem sonnenwarmen Blechdach der Hütte zu trocknen. Ich gehe kurz meine Ausrüstung durch und beschließe dann, unter freiem Himmel zu biwakieren - für mich ohnehin die schönste Art der Übernachtung auf so einer Tour. Nur wo? Die Platzverhältnisse sind hier wegen des vielen Schnees alles andere als üppig. Zwischen Hütte und Fels findet sich eine Nische, die knapp für mich ausreicht. Wo hier aber im Bedarfsfall noch eine zweite Person hätte Platz finden können, möchte ich mir nicht ausmalen.

In einem offenen Mini-Verschlag der Hütte stehen zwei lange Bretter, aus denen ich mein Nachtlager baue. Und endlich kommt mal der leichte Not-Biwaksack aus wärmereflektierender Folie zum Einsatz, den ich bei jeder Tour dabei habe. Während die Dämmerung hereinbricht und die schneeüberzuckerte Mittelspitze vor dem immer tieferen Blau des Himmels herüberleuchtet, empfinde ich eine tiefe Zufriedenheit und innere Ruhe wie schon lange nicht mehr.

Nachdenklich betrachte ich den Kocher, der längere Zeit mit Schnee schmelzen beschäftigt ist. Ob die Minikartusche für die Getränkeversorgung über die gesamte Tour ausreicht? Eigentlich war der Holzofen des Winterraums mit eingeplant. Eine Ersatzkartusche hätte mich gewichtstechnisch auch nicht umgebracht. Nun war Energiesparen angesagt. Kompromissweise begnügte ich mich mit einer Wassertemperatur kurz über dem Gefrierpunkt, anstatt für Kaffee oder Tee jedesmal auf Kochtemperatur hochzuheizen. Der fehlende Salzgehalt wurde durch Brühepulver ausgeglichen, das ich portionsweise dem Wasser zusetzte.

Schlaflager - Endlich kommt mal der leichte Not-Biwaksack aus wärmereflektierender Folie zum Einsatz
Foto: Peter Männel

Nachdem ich mich in meinen Schlafsack gekuschelt und für die Nacht eingerichtet hatte, begannen sich alsbald die Gedanken mit der Rutschfähigkeit der Folie und dem nahen Abgrund zu beschäftigen. Ob man es wohl rechtzeitig schafft, die Hände aus dem Schlafsack zu bekommen, um sich irgendwo festzuhalten? Ich wühle mich wieder heraus in die Kälte, ziehe den Klettergurt an und sichere mich mit einer Reepschnur an der Hütte. Manchmal muss man Fakten schaffen. Endlich kann ich beruhigt und durch nichts gestört unter einem prachtvollen Sternenzelt einschlafen.

Nachts kommt der angesagte Wind auf, der Biwaksack flattert und ein Blick zum Thermometer zeigt -6°C, trotzdem ist es mollig und ich muss nicht mal die Handschuhe überziehen.

Montag:

Die Sonne beleuchtet schon den Hochkalter, als ich mich um kurz nach 6 Uhr aus dem Schlafsack pelle. Da ich über Nacht fast alles an Klamotten anhatte, ist mir gleich wieder wohlig warm. Zum Frühstück gibt es ein Stück Urnäscher Bergkäse und einen Becher Gemüsebrühe. Dann wird der Rucksack neu gepackt, die Schneeschuhe daran befestigt und der im Fußbereich gefrorene (!) Schlafsack verstaut.

„Schwarzbegeher“
Foto: Peter Männel

Faszinierend die Farbspiele auf den umliegenden Bergflanken, die höher steigende Morgensonne spielt mit Dunst und Kontrast. Die Mittelspitze ruft! Das Stahlseil des Klettersteigs schaut teilweise aus dem Schnee heraus, es geht ein paar Meter steil hinab. Der Weg hält sich meist auf der Westseite des Grates, so dass die hartgefrorene Schneeoberfläche bis in den Nachmittag gut tragen sollte. Unvermittelt verschwindet jegliche Markierung, dafür zeigt eine steile Schneeflanke den Weg zum nächsten Felsturm. Die Steigeisen greifen bei jedem Schritt und der Pickel vermittelt guten Halt. Das ging schneller als gedacht, nach einer dreiviertel Stunde ist die Mittelspitze erreicht. Zeit für einen Becher Schmelzwasser und ein Snickers. Was für eine fantastische Szenerie! Der Königssee schläft tief drunten im Schatten, und die schneeverwehte Watzmannostwand strahlt in der Sonne.

Obersee und Ostwand
Foto: Peter Männel

Weiter geht es auf dem Grat entlang unter Verlust einiger Höhenmeter in Richtung Südspitze. In stetigem Auf- und Ab macht mir die zunehmend ausgesetzte, aber leichte Kletterei grossen Spaß. Kurze, steile Schneeflanken müssen unter Zuhilfenahme des Pickels gequert werden, aber ab und an schaut trotz der ordentlichen Schneelage auch mal das Stahlseil heraus und erleichtert so manchen Aufschwung. Immer wieder halte ich inne und genieße den überwältigenden Blick in die Runde: Im Westen weit hinter dem Hochkalter der Wilde Kaiser, geradezu der Grosse Hundstod mit dem steinernen Meer und im Südosten der Hochkönig mit dem Matrashaus. Dazu der steile Taleinschnitt mit dem noch tiefschwarzen Obersee.

Gegen kurz nach halb zehn lockt der Schlussanstieg zum Südgipfel mit einer schönen weißen, stabil verharschten Flanke. Da ist es! Auf das Läuten des Glöckchens im Gipfelkreuz habe ich mich schon seit dem Aufstehen gefreut. Ein zwei Tage alter Eintrag im Gipfelbuch zeugt von einem weiteren SoloBegeher. Zur Feier des Augenblicks gibt es leckeren Käse und kalte Gemüsebrühe. Was für eine Traumtour!

Dann wartet der lange, oft genug als unangenehm beschriebene Abstieg ins Wimbachgries von 2700 m auf ca. 1500 m. Vor diesem Teil habe ich großen Respekt, denn auch bei der niedrigsten Lawinenwarnstufe besteht die Gefahr von Nassschneelawinen. Und was die im Winter kaum zu erkennende Wegführung für Überraschungen bereit hält, lässt sich vorher kaum erahnen.

Von der Mittel- zur Südspitze
Foto: Peter Männel

Die Sonne steht voll auf der gleißenden Südflanke, und mit einem Mal wird es warm wie im Sommer auf einem Gletscher. Jetzt aber keine Zeit verlieren. Die ersten 100 Höhenmeter steige ich flott ab, aber dafür fangen auch schon die Oberschenkel an zu brennen. Neidvoll schaue ich auf die Spuren im Schnee: Der andere Solo-Aspirant hat hier seine Tourenski angeschnallt und ist zu einer der Rinnen heruntergewedelt. Und was macht man ohne Ski? Auf den Hosenboden setzen, den Pickel achteraus zum Bremsen in den Firn halten und los gehts! Das funktioniert besser als gedacht. Allerdings muss ich öfters anhalten, aufs GPS schauen, aufstehen und zur Kurskorrektur ein paar Schritte über Schneewehen gehen, um nicht ganz vom Weg abzukommen. Dabei hilft mir der GPS-Track meiner Überschreitung mit Jens Köhler von 2015. Teilweise scheint die Wegführung im Schnee völlig abstrus zu sein, aber dann kommen mir wieder einige Stellen bekannt vor. Dafür wird der Schnee jetzt so nass, dass ich bei jedem Schritt bis zur Hüfte einsinke. Zeit, die Steigeisen zu verstauen und wieder auf Schneeschuhe zu wechseln, obwohl es gefühlt noch etwas zu steil dafür ist. Macht aber nichts, denn Abstürzen ist bei der guten Bremswirkung des Schnees so gut wie unmöglich.

Endlich weist der Weg in eine der steilen Rinnen, die von Latschenkiefern flankiert bis ins Wimbachgries reichen. Hier ist es mit den Schneeschuhen doch etwas unangenehm, und so hangele ich mich an den Latschen festhaltend langsam abwärts. Plötzlich hören die Latschen auf und die Rinne steilt nochmals ab. Glatter Fels schaut heraus. Gut, dann wird eben nochmal auf die Steigeisen gewechselt. Die Schneeschuhe fliegen voraus und landen 30 m weiter unten im Schnee. Das Abklettern erfordert nochmal Konzentration, jeder Griff wird geprüft, die Frontzacken sorgfältig gesetzt. Endlich ist wieder

der weiche Schnee erreicht. So eine blöde Stelle, das kann doch unmöglich die richtige Wegführung gewesen sein?! Wars auch nicht. Ich habe mich auf dem letzten Moränenrücken für die falsche Abstiegsrinne entschieden. Naja, mal biste Hund, mal biste Baum.

Die Mittelspitze nach Sonnenuntergang
Foto: Peter Männel

In ca. 1500 m Höhe erreiche ich das tief verschneite Wimbachgries. Eine einsame, bizarre Wildnis mit vereinzelten Bäume, ein wunderschönes weites Tal umsäumt von rauhen Kalkriesen. Ich kann mich der romantischen Seite der Sache kaum entziehen. Vor allem jetzt, wo der spannende Teil hinter mir liegt. Aber auf den nächsten 10 km bis zum Erreichen der Wimbachbrücke habe ich ja genügend Zeit, es zu genießen. Unter stetigem Höhenverlust läuft es sich nun wie von selbst. An der Wimbachhütte sehe ich zum ersten Mal wieder Leute, sie haben es auf Wanderschuhen im Nassschnee bis hier hoch geschafft und sonnen sich vor der verschlossenen Hütte.

Gegen drei Uhr sind die Ausläufer von Raumsau erreicht. Wenig später stehe ich wieder vor meinem Auto. Beim Bäcker genehmige ich mir zwei Stück Kuchen und einen grossen Cappuchino. Tja, Blut geleckt..was für eine tolle Tour! Und was tun mit dem angebrochenen Tag? Etwas lustlos schaue ich die möglichen Unterkünfte für die Nacht durch. Eine bietet sogar Sauna und Whirlpool an!

Wie ich mich entschieden habe? Gegen Mitternacht, immer noch mit einem Grinsen im Gesicht, aufgeputscht und hellwach, setze ich meinen Rucksack vor der Wohnungstür ab.
Home, sweet home!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 30. Mai 2019