Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2019
Klettergruppe60plus

321 Jahre Klettern in Arco

Klaus Steube
Ferienwohnung mit Burg von Arco
Foto: Klaus Steube:

Archäologischen Funden zu Folge sollen bereits 300 v Chr. Menschen in Arco, 5 km nördlich des Gardasees, gelebt haben, während die erste urkundliche Erwähnung (Burg und Grafen von Arco) ins frühe 13. Jh zurückreichen. Man darf aber davon ausgehen, dass in diesen frühen Zeiten, die unzähligen Klettergebiete rund um Arco für die Ortsansässigen bedeutungslos, ja sogar furchteinflößend waren. Eine Reise aus Norddeutschland dauerte Wochen, wenn nicht Monate und die wenigen „Wanderer“ waren wohl meist Händler, die ihren Wegezoll beim Überqueren der Sarcabrücke entrichten mussten. Heutzutage zahlen die Reisenden ihren Zoll bereits am Brennerpass und dann weiter auf den italienischen Autobahnen und die Zahl der Arcobesucher ging mit Beginn der Kletterei und des Montainbiking als Freizeitbeschäftigung so steil nach oben wie die Felsen des Hausberges, des wuchtigen Colodris. Seit etlichen Jahrhunderten ist das Adelsgeschlecht von Arco auch mit Bayern verbandelt. Vielleicht mit ein Grund, dass vor allem bei dem dortigen Volk dieser „südlichste Stadtteil Münchens“ so beliebt ist und diverse bayrische Biersorten dem italienischen Vino rosso starke Konkurrenz machen (allerdings findet sich nirgends das Bier der bayrischen Brauerei Arco-Bräu – wohl noch eine Marktlücke)…

Jürgen und Hellfried nach getaner Arbeit
Foto: Klaus Steube

Am frühen Sonntag des 2. Mai quetschten sich vier Männer der Klettergruppe 60plus in ein Auto, gut ausgepolstert mit viel Proviant, Kleidung und Kletterausrüstung und trafen nach stressfreier Fahrt am Nachmittag in Arco ein, wo bereits der aus Elba angereiste Gruppenhäuptling Michael wartete. Die Gruppe war nun komplett und mit unserem Gesamtalter von 321 Jahre waren wir alle dem Jünglingsalter seit langem entrückt. Unsere Ferienwohnung lag strategisch günstig am Rande der Altstadt, mit 3 Min. zum Bäcker, 4 Min. zur ersten Pizzeria, 5 Min. zum ersten Sportgeschäft und etwa 6 Min. bis zur Eisdiele auf dem Hauptplatz. Obwohl einige Klettermöglichkeiten auch zu Fuß erreichbar, strebten wir am nächsten Tag (per Auto) das Arcokennern bekannte Gebiet „Belvedere“ bei Nago an. Nicht nur der Aussicht und der leichten Routen wegen, sondern auch mit der Hoffnung, nach der Regennacht die dortigen Felsen einigermaßen trocken vorzufinden. Und so war es auch, und sogar fast leer. Wir bleiben bis zum frühen Nachmittag als der wieder einsetzende Regen uns zum Einpacken motivierte. Ein kleiner Snack und Cappuccino in der Bar unterhalb der Felsen, gefolgt von einer Besichtigung im Nieselregen der Eiszeitlöcher (Marmitte dei Giganti) und den spektakulären Platten von Corno di Bo, die vom Rand des Gardasees über einen Tunnel der Uferstraße führen.

Arco Spigolo
Foto: Klaus Steube

Nago bietet noch mehr und so statteten wir tags darauf den bekanntesten Felsen an der Straße zum Monte Baldo einen Besuch ab. Hier war es schwieriger zu klettern, die leichten Routen im untersten Sektor waren „gut poliert“ und die Übereinstimmung zwischen den Topos des Kletterführers und den Routen am Fels etwas „gewöhnungsbedürftig“. Angenehmer zu klettern waren dann einige recht neu gebohrte (aber leider nicht so lange) Routen an den Felsblöcken, die dem traditionellen Gebiet vorgelagert sind. Die Krönung ein ca. 25 m langer Quergang – immerhin mit 5c bewertet - der für die Vorsteiger ein Genuss und für die Nachsteiger eine vollkommene neue Herausforderung darstellte.

Standplatz an den Baoneplatten
Foto: Klaus Steube

Mit dieser Motivation und Training im Rücken war als nächstes eine Mehrseillängentour angesagt. Die Wahl fiel schnell auf die „La Spigolo nascoto“ ca. 300 m lang und mit maximaler Schwierigkeit 4 eine der leichtesten Routen im Sarcatal, genau das Richtige für unsere beiden Arco- und MSL-Neulinge Jürgen und Hellfried. Verstärkt wurde unsere Truppe durch Matze aus der Hochtourengruppe, der zufällig auch am Gardasee weilte, und von seiner Frau für eine gemeinsame Klettertour „frei“ bekam. So konnten wir in drei Zweierseilschaften die „verborgene Kante“ klettern und – da wir die Einzigen waren – uns Zeit lassen, um an den Standplätzen etwas zu plaudern oder uns gegenseitig zu fotografieren. Die Rückfahrt führte (fast obligatorisch) in die Bar gegenüber der Sonnenplatten zum Bier- und Cappu-stopp, wo wir feststellten, dass dieses Terrain inzwischen fest von Gleitschirmfliegern und „Base jumpern“ in Beschlag genommen worden ist. Ebenfalls nördlich von Arco liegt das Klettergebiet Val Lomasone, in der es über 100 Routen zwischen 3 und 7b gibt. In der Mitte der 90er Jahre eingerichtet, ist es zwar kein Geheimtipp mehr, dennoch viel weniger besucht als die ortsnahen Klassiker. Hier tobten wir uns am nächsten Tag aus und alle konnten ihre Vorstiegs- und Abseilfähigkeiten trainieren.

Spigolo
Foto: Klaus Steube

Beim Abendessen in unserem Domizil besprachen wir den nächsten, unseren letzten Klettertag. Wieder durfte sich Matze zu uns gesellen und somit eine längere Kletterpartie ermöglichen. Zäh und nicht ganz emotionsfrei war das Ringen, welches schließlich im Kompromiss der Platten von Baone mündete. Hier sind kurze und etwas längere Routen dicht an dicht und mit purer Reibungskletterei wieder etwas Neues für unsere beiden Arcoeinsteiger. Klettern ohne sich irgendwo festzuhalten (mal vom Haken abgesehen - aber verpönt!) ist gewöhnungsbedürftig und erfordert Übung und Geschick. Aber wer im Harz an den Granitblöcken bestehen will, kann sich hier in gut abgesicherter und entspannter Atmosphäre austesten und zusätzlich den Blick auf Gardasee und seine Berge genießen. Der Nachteil der Baoneplatten ist ihre Südausrichtung und da wir an diesem Tag strahlende Sonne hatten, war für uns am früheren Nachmittag Schluss. Die nächste Eisdiele stand auf dem Programm, die wir jedoch erst nach einem Abstecher auf den Colodrigipfel in Beschlag nahmen. Den Abend ließen wir gemütlich im Restaurant am Hauptplatz, dem Palazzo aus dem 16. Jharhundert mit Innenhof und Gewölbekeller ausklingen, um auf dem Heimweg nochmal einen längeren Zwischenstopp vor der Kirche einzulegen, wo uns ein Musikerduo mit Folk- und Blues-Songs aus den 70er Jahren an eine andere Epoche erinnerten.

Der Abreisetag schickte uns Regen von Himmel, so als ob Arco zum Abschied weinte – und eine ganz kleine Träne habe auch ich verdrückt, eine meiner „Kletterheimate“ zum x-ten Mal wieder zu verlassen.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 6. September 2019