Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2019
Hochtourengruppe

Klassisch alpin

oder alpine Routen wiederentdeckt und gut eingerichtet?

Matthias (Matti) Goebel

Seit 1982 gehe ich auf den Spuren von Richard Goedeke zumeist in den Dolomiten klettern. Viele Alpinklassiker sind seitdem absolviert und der Mensch (so auch ich) sollte ja nie als Hauptdarsteller dieser agieren, sondern als Nutznießer der Leistungen der Erstbegeher in Ehrfurcht genießen. Wie weit waren die Hakenabstände, welche mobilen Sicherungsmittel verwendeten wir, Friends gab es noch gar nicht. Hexentrics und Bolts für die breiten Risse. Wild Country Stopper kaufen wir in England und in der Folge in einem kleinen Ladengeschäft am Hagenring bei einem 3- Mann- Team von Sachen für Unterwegs.

Matze in der Schlüsselseillänge am Sas Bé‚c
Foto: Matthias Goebel

In diesem Sommer 2019 sollte nach diversen 4000er Hochtouren im Wallis in 2018 wieder in den Dolomiten geklettert werden. Sonne ist für die mittlerweile älter werdenden Knochen- herrlich. Sagt der Michael Zielen zu mir: “Nimmst Du eigentlich immer noch Hammer und Haken mit in die Dolomiten?“ Und ich denke, allein die Mitführung gibt der Seilschaft Sicherheit, weil Du weißt…“ach nee das brauchen wir heute eigentlich nicht mehr“, sage ich. Alles ist topographiert, online abrufbar inkl. Videobeweis zum Vorabstudium. Damals diente uns die Erstausgabe des Alpenvereinsführers Sextener Dolomiten von 1983 von Richard als Vorlage. Wer die Routen damals nicht nach Vorlage dieses Führers geklettert hat, den möchten wir hier und heute, die Comic- Zeichnungen nicht vorenthalten, die Richard damals angefertigt hat. Und da sind wir uns einig. Den Berg als komplexes Ganzes zu entdecken, ist uns echten Bergsteigern auch heute noch eine Herausforderung.

Ich verdanke die Auferstehung klassischer wiederentdeckter und gut eingerichteter Alpinrouten meinem Seilpartner Matze Rahn. Nach einer ersten Route (Freccia Bis, IV) am 1. Sellaturm sollten nun Touren an den Geislerspitzen folgen. Wir entschieden uns für die Südostkante am Odla de Cisles. 13 SL. im klassisch alpinen Gelände. Bei bestem Wetter standen wir, nach einem Umweg beim Zustieg und etwas Suchen, am Einstieg dieser Tour in herrlicher Umgebung und bei bestem Bergwetter.

Richard und Matti beim Erfahrungsaustausch
Foto: Matthias Goebel

Da es mittlerweile später Vormittag war, berieten wir kurz. Nach unserer Erfahrung haben wir auf die Angabe aus dem Führer 2 Stunden drauf gegeben und nahmen uns vor, am Abend bei Bedarf auf einer der beiden Hütten zu bleiben.

Also hab dich nicht so und los geht`s, das Bergwetter ist lt. DAV Online absolut stabil. Da war dann der Quergang in der 4. SL unter dem großen gelben Dach über eine breite unangenehme Platte, wo natürlich der im Topo vorhandene Haken fehlte. Aber der Friend No.1 passte perfekt. Einen 20 m Pendelsturz will ja keiner haben. Viele weitere neckige Passagen folgten und die klassische Kletterei in festem Fels zauberte uns ein ums andere Mal ein breites Grinsen auf die Wangen. Um 16:54 Uhr überkletterte ich nach gut 5 Stunden und 14 SL den Gipfel und kletterte im III. Grad nach Führerangabe 10 m in die Ostwand ab, querte 8 m in die Ostwand hinein, kletterte abermals 4 m ab und querte auf schmalem Band in die unter mir schattig gähnende Ostwand. Da war er, der erste blinkende von 10 angekündigten Abseilringen, mein Herz machte einen Sprung!. Meine Supertrooper- Armbanduhr sagte, Sonnenuntergang 20:43 Uhr voraus. Also alles clean.

25, 20, 20, 22, 10, 20, 25 m waren die ersten Abseilpisten eingerichtet. Klasse, dass nach den exakt ersten 25 Metern weit und breit kein weiterer Abseilhaken erkennbar wurde. Genervt, durchsuchte ich die Wand…links, rechts, hoch und runter. Die Sonne geht bald unter. Wo bist Du nur hingeseilt und was soll denn dieser Verhauer hier!? Wie wäre es wohl jetzt mit einem Hakensortiment anno dazumal gewesen.

Da fiel mir sofort wieder die Westliche Zinne- Südwandroute bis zum oberen Ringband ein. Vermutlich waren damals mein Vater Sigbert und ich, einige der ersten Nachsteiger von Richard, der in der 83er AV Führerausgabe den Südostkamin abwechslungsreich und romantisch unter sperrendem Dachüberhang beschrieb. Links hinaus und über Überhang in Rinne und zur Schuttterrasse die Ausquermöglichkeit genutzt haben. Und die Abseilpiste nervend lang gesucht, aber nie gefunden haben. Danach kaufte ich mein erstes Hakensortiment. Irgendwie abkletternd und -seilend kamen wir ohne Stirnlampen um 22:00 Uhr an der Auronzohütte an. Handys gab es ja noch nicht, und die Familie musste lange auf den erlösenden Anruf in Toblach warten.

Herrliche Gratkletterei an der Odla de Cisles
Foto: Matthias Goebel

Wieder zurück an der Odla de Cisles, war es dann wohl auch 35 Jahre später so, und ich dachte, hättest Du doch bloß ein paar Haken dabei. Aber nee, so etwas brauchen wir ja heute nicht mehr. Irgendwann, nach gefühlt einer Ewigkeit fand ich ganze 15 m rechts aus meiner logischen Abseilflucht hinaus, hinter einem Vorsprung den nächsten Abseilring. Matze hielt tapfer 25 m über mir die Stellung… sozusagen die Ruhe selbst, hoffte er wie ich noch vor Sonnenuntergang mit mir den Grund der Schlucht zu erreichen. Jetzt aber fix, Matze seilte zu mir runter, Seilabziehen…tausendmal praktiziert, verfing sich das aufsteigende Seilende in irgendeiner Felsspalte und das Seil ließ sich … nicht weiter abziehen. Verrückt, also wieder hochklettern, Seilende holen und weiter geht`s. Dies passierte uns auf dieser Abseilpiste noch ein zweites Mal. Unglaublich, aber wahr!

Als ich mich zum ersten Mal an diesem Tag gedanklich damit beschäftigte (die Sonne war ja schon untergegangen), einen Anruf abzusetzen, zeigte mit mein Handy keinen Empfang. Wie passend an diesem Tag.

Nach einer von gefühlt tausend Rampen erst nach rechts, dann nach links u ber ein Felsband, und mittels eines Kamins (III+) erreicht man 20 m abkletternd eine Schlucht (spätestens ab hier war es völlig finster). Man überwindet einen Felsvorsprung erst rechts, dann links (II-III), die rechte Seite der Schlucht immer beibehalten: Weitere 10 m und 25 m abseilen. Über sichtbarem Band 20 m rechts zur letzten Abseilstelle, finden wir ein 50 Grad steiles Schneefeld voraus. Super mit Kletterpatschen abzufahren, wären da nur nicht die Randkluften.

20:59 Uhr. Ich weiß auch nicht wie, aber wir sind am Wandausstieg. Vorbei am Einstieg verneige ich mich vor dieser klassischen Route, erstbegangen im Jahre 1908. Um 23:11 Uhr waren wir zurück am PKW.

Das Erlebnis prägt und so suchte ich nach der souveränen Besteigung des Sas Béce (6. SL IV+ ) am Pordoi-Pass verzweifelt nach einem Kletterführer der Neuzeit. Und ich fand ihn in einem alten Bekannten. Mauro Bernardi; mit dem hatte ich schon in der Vergangenheit so die eine oder andere Diskussion über nicht vorhandene Abseilhaken geführt. Aber nun ging die Sonne auf. Bernardi Band I und II hatten wir auszugsweise erkundet. Entdeckte ich den Band III „111 alpine, wiederentdeckte und gut gesicherte Routen“. Und was sagte Enzo Merzaddi auf der Passhöhe des Grödnerjoch:“ Wenn gar nichts mehr geht, dann kaufst Du Dir den Kletterführer von Richard Goedeke - der Klassiker schlechthin“. Als wir bekundeten, diesen Alpinisten zu kennen, wurde uns anno 2019 von dem Gastwirt der rote Teppich ausgerollt. Alte Geschichten wurden ausgegraben… vermutlich war es an dieser Stelle nur wichtig, irgendwie mit uns Umsatz zu machen, so hat er die Kletterführer angeboten. Und ich kaufte nach gut einer dreiviertel Stunde Fachsimpelei eben diesen 3. Band von Bernardi.

Der Trick
Skizze: Richard Goedeke

Egal wer einmal im alpinen Bereich der Dolomiten klettern möchte, kann mit uns gerne Kontakt aufnehmen. Zumindest berichten wir gerne von unseren Erfahrungen unserer Besteigungen, die dann hoffentlich bei Eurer Routenauswahl in den Dolomiten hilfreich sein können.

Dieser neue Kletterführer hat nicht den Anspruch etwas Neues aufzuzeigen, versteht sich aber als Hilfe für ein erleichterndes Klettererlebnis. Denn nicht alle sind von Natur aus sehr gute Kletterer, wollen aber engagiert üben wie wir. Allgemein wächst z.Zt. in den Dolomiten das Interesse für besser ausgerüstete alpine und verständlichere Routen. So wurden viele Routen von Bernardi & Co. liebevoll teilrestauriert. Nicht dem leichtesten Anstieg folgend neu erschlossen, sondern dem Schönsten, Gewagtesten oder Griffigsten. Dabei entsteht auch bei einem IIIer oder IVer viel Luft unter den Sohlen. Recht gut absicherbar. Nicht wie beim Plaisir, aber dennoch mit einem guten Feeling, auch für uns „Flachland - Kletterer“.

Habt viel Spaß beim Klettern!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 3. November 2019