Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2019
Klettergruppe60plus

Auf der Nomadenautobahn

7 Tage Trekking durchs iranische Zagrosgebirge

Brigitte Moritz
Aufbruch ins Zagros
Foto: Brigitte Moritz

Das einzige Wort, das wir kannten und lesen konnten, war „salaam“. Kann man da den Iran abseits von Studiosus- Touren oder der organisierten Demavand-Besteigung bereisen? Wir trauten es uns und haben es nicht bereut. Wir lernten ein modernes faszinierendes Land und aufgeschlossene, freundliche (und englisch sprechende) Menschen kennen. In den Millionenstädten Isfahan und Shiraz half Openstreetmap bei der Suche nach Reisebüros (Bus-und Bahnfahrkarten), Sehenswürdigkeiten und unseren in kleinen verwinkelten Gassen gelegenen Hostels. Mietautos und unsere Trekkingtour haben wir bequem von zuhause aus gebucht, letztere beim Teheraner Veranstalter „Iran trekkingtour“.

Das Zagrosgebirge sollte es sein. Mit Gipfeln bis zu 4500 m durchzieht es das Land von Nordwest nach Südost. Die Pässe sind, anders als im Elbursgebirge, auch Mitte Mai schon schneefrei. Und es wird von den „nomads highways“ durchzogen, jahrtausendealten Übergängen der BakhtiariNomaden von den Winterquartieren im Zweistromland auf die Sommerweiden. Genau jetzt waren sie unterwegs…

Muli-Bepackung
Foto: Günter Gersdorf

1. Tag: Isfahan - Shahr-e-Kord – Chamangoli - Nomadendorf (2000 m) 250 km

Das erste Treffen mit Tour-Operator  Mehdi in Isfahan war auch das einzige und nach kurzer Verständigung über Bezahlung, Equipment etc. gings schon los. Mit Guide Ashkan und Jeepfahrer Behroz fuhren wir in nordwestlicher Richtung mit mehreren Einkaufs- und Imbisspausen ins Gebirge. Die Straßen wurden von Schotterpisten abgelöst und gegen Abend ging ein Gewitter nieder, das die Bäche bedenklich anschwellen ließ. Behroz wollte deshalb doch erstmal die Wetterentwicklung abwarten und so endete Tag 1 abweichend vom ursprünglichen Ziel in einem Nomadendorf, wo wir ein ausgezeichnetes Hühnerfleischessen erhielten und viele weiche Teppiche und Decken für die Übernachtung bereitlagen. Nach dem Essen pafften die Männer verdächtige Zigaretten, von denen uns Ashkan abriet. Die Stimmung stieg und Günter musste im traditionellen Outfit posieren. Nur die Jagdflinte wollte er nicht in die Hand nehmen.

Crossing the river
Foto: Brigitte Moritz

2. Tag: Nomadendorf – Kaynoo forest (1000 m) 18,7 km.

Das schlechte Wetter hatte sich verzogen, Fahrer Behroz wechselte in die Rolle des „Muli-man“ und belud ein solches fachmännisch mit unseren großen Rucksäcken, Kochgeschirr und Essen. Er war erst 21, schon verheiratet und nur 5 Jahre in die Schule gegangen. Das halten die Nomaden für ausreichend und der Staat lässt es durchgehen. Die Tour begann mit vielen Kilometern Sandpiste am Hang eines Flusstals. Dieses stiegen wir schließlich hinab bis zu einem Nebenbach und bezogen Camp 1.

3. Tag: Kaynoo forest – Camp 2 (1700 m) 8,6 km.

Blick zu den Pässen
Foto: Brigitte Moritz

Dieser Tag machte uns klar, warum man ohne Guide im Zagros nirgendwohin käme: es gibt nicht nur keine markierten, sondern praktisch überhaupt keine Wege, sondern nur unzählige Schaf-und Ziegenpfade. Die Hirten können auch gut auf Wegebau verzichten; leichtfüßig, mit runtergetretenen Turnschuhen folgen sie den Tieren über Stock und Stein. Etwas anderes blieb auch uns nicht übrig und dazu waren immer wieder z.T. von der Schneeschmelze stark angeschwollene Bäche zu queren. Über Hänge, abgeweidet und mit schönen großen Laubbäumen bestanden, erreichten wir Camp 2, schon weit oberhalb des Flusstals und konnten von da aus auf die höheren Pässe blicken. Das Muli, auch froh über das Tagesende, machte sich über den Fladenbrotsack her und wurde von Behroz durch unsanfte Püffe zur Ordnung gerufen.

Mittagsrast
Foto: Günter Gersdorf

4. Tag: Camp 2 - Tembi Lake- Selilisattel (2400 m) 13,7 km.

Nun waren wir endgültig auf der Nomadenautobahn und zwar auf der Gegenspur: wir durchquerten das Gebirge von Ost nach West, vom zentraliranischen Hochland hinunter ins Zweistromland - uns entgegen kamen die unzähligen Schaf-und Ziegenherden auf dem Weg auf die Hochweiden. Den Schluss der Herde machten etliche Mulis und Esel, neugeborene Lämmchen in den Satteltaschen und hochbepackt mit Teppichen, Waschzubern, Teekesseln und obendrauf noch 2 Kinder. Da hieß es für uns „rechts ran“ und natürlich war jedes Mal ein Schwätzchen mit unseren Begleitern fällig. Zigaretten wurden geschnorrt, amüsiertes Kopfschütteln über die verrückten Westler und die Kinder starrten uns an wie Aliens.

Unter dem Selili-Sattel
Foto: Günter Gersdorf

Über einen heißen Schotterhang erreichten wir einen Pass und konnten eine weite Hochebene überblicken. Eine Familie hatte dort schon Quartier bezogen - ein nach drei Seiten offenes großes Zelt - und bewirtete uns mit Ayran, Tee und Ziegenfleischeintopf. Laut Ashkan ist das für sie Gastfreundschaft und Abwechslung zugleich, man könne sie nicht als arm bezeichnen und sie wären sehr stolz auf ihre Lebensweise. Die Männer ließen sich auch gerne fotografieren, mit Pluderhose, schwerem Ledergürtel und Büchse und mit den Kindern. Die Frauen wollten oft nicht fotografiert werden und wenn, dann nur mit mir.

Wir machten noch einen Abstecher zum Tembi Lake und überquerten dann die ganze Hochebene in Richtung Selilisattel. Unterhalb des Passes in Camp 3, auf 2400 m war es nachts zum ersten mal richtig frisch. Schwierig war auch die Holzbeschaffung für das obligatorische Feuerchen, Ashkan und Behroz wurden aber irgendwo am Bachlauf doch fündig.

Der höchste Punkt
Foto: Günter Gersdorf

5. Tag: Selilisattel (2800m) - Selili Valley (2000 m) 8,7 km.

Nach einem letzten Aufstieg inclusive Querung eines großen Schneefeldes, erreichten wir heute den Selilisattel, mit 2800 m der höchste Punkt der Tour. Weit ging der Blick zu den Viertausendern des Hauptkamms im Osten und hinunter ins Zweistromland. Günter und Ashkan hatten noch Reserven und erklommen noch eine kleine Erhebung (2970 m).

Behroz und das Muli verließen uns hier aus unerfindlichen Gründen. Wir mussten nun das Gepäck verteilen und da wir etwas not amused waren wegen dieser nicht kommunizierten Leistungskürzung, packten wir Ashkan auf, was wir konnten. Die Vorräte waren eh arg zusammengeschmolzen und - kleiner Trost - es ging ab jetzt ja auch im wesentlichen bergab.

An der Quelle
Foto: Günter Gersdorf

Dieses Bergab begann aber sehr steil über Fels und Geröll, z.T. mit Zuhilfenahme der Hände. Da konnten die Ziegen nur lachen… Dieser Tag wollte nicht enden, denn Ashkan hatte eine Quelle als Lagerplatz im Sinn und einige Mühe, sie auf seinem GPS zu finden. Camp 4 war dann aber mit reichlich frischem Wasser versehen - wie jeder Lagerplatz bisher. Für mich war es die schönste Erholung, nach den anstrengenden Tagesetappen in den Bach zu springen. Weit und breit kein Sittenwächter, deshalb hatte ich auch das sonst obligatorische Kopftuch längst weggelassen.

Selili-Schluchten
Foto: Günter Gersdorf

6. Tag: Selili Valley – Darreh Tazeh Valley (1300 m) 12,7 km.

Der letzte volle Trekkingtag. Stetig gings abwärts ins felsige Selili Valley, Steilstufen versperrten den Weg, drohten etwa Gegenanstiege? Aber Ashkan steuerte diese unbeirrt an: es galt sich durch Schluchten zu winden, Blöcke zu überklettern und von diesen ins Bachbett zu springen (Canyoning light sozusagen)… dann kamen wieder weite Kiesbetten und die Hänge wurden allmählich flacher. Ashkan erzählte hinterher, er wisse nie, ob diese Wegstrecke wirklich gangbar ist, plötzliche Regengüsse können alles unpassierbar machen und weite Umwege erfordern. Na bloß gut, nicht hier und jetzt.. An der Einmündung ins breitere Darreh Tazeh Valley wartete wieder ein Nomadenlager mit Abendessen (salziger Milchreis mit geschmolzener (Ziegen-)Butter) auf uns.

Geschafft!
Foto: Ashkan

7. Tag: Darreh Tazeh Valley – Lali –Shushtar

Nach 2 Stunden Marsch auf einer Schotterpiste durchs liebliche Darreh Tazeh Tal wartete unser Abtransport: ein größerer Pickup eines Nomaden, der die Tour raus aus dem Gebirge nutzte, um an jedem Zelt zu hupen und Bestellungen entgegenzunehmen - Zagros-Amazon sozusagen - im Schritttempo. Wir saßen auf der Ladefläche, und genossen noch einmal die Berglandschaft und die sich weitenden Flusstäler. Nach 7 Stunden war die Ebene mit glühender Sonne erreicht, ich ging freiwillig zur Vollverschleierung über. Auch war inzwischen der Ramadan angebrochen und erst nach vielem Suchen und Verhandeln fand Ashkan in Lali einen Imbiss, der uns hinter verschlossenen Türen mit Pizza und eiskalter Cola bewirtete. Damit waren die Herausforderungen beendet und im Taxi erreichten wir bequem und vor allem schnell das 200 km entfernte Shushtar.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 3. November 2019