Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2019
Jugendgruppe

Unsere zweite Heimat

Aus Braunschweig auf die Braunschweiger Hütte

Lena Schadt, Laila Meder, Benno Seydel, Tim Jonas, Thorben Bloem
Ausblick von der Braunschweiger Hütte
Foto: Laila Meder

Es waren einmal fünf verrückte (mehr oder weniger) junge Bergsteigende, die gemeinsam mit einem echten Bergsteiger (Axel Hake) das Gebiet um die Braunschweiger Hütte erkundeten. Nachfolgend wollen wir unsere Erlebnisse chronologisch geordnet nach Tagen schildern. Wir sind stets bemüht die Gegebenheiten wahrheitsgemäß wiederzugeben:

Tag O: Anreise

Am Vorabend der Reise stellte Tim fest, dass seine Wanderschuhe nicht hochtourentauglich sind. Deshalb wurde am Morgen beschlossen, während des planmäßigen einstündigen Aufenthaltes in München, einen Boxenstopp bei Sportscheck einzulegen und Tim neu zu bereifen. Durchgehend von Erfolg geprägt, kehrten das Shopping-Paar Thorben und Tim mit neuen Bergschuhen, Wandersocken und Regenhose (zum Glück) rechtzeitig zur Abfahrt des Anschlusszuges zurück zum Bahnhof.

Bei schlechtem Wetter auf dem Mittelbergferner
Foto: Tim Jonas

Tag 1: Linker Fernerkogel (3.278 m)

Zum ersten Mal standen drei von uns auf Steigeisen und lernten pickelschwingend den Gletscher zu überschreiten. Um nicht hilflos in einer Spalte zu verenden, passierten wir den Gletscher am Seil gehenderweise und übten auf dem Rückweg vom Gipfel die Spaltenbergung. Freundlicherweise erklärte sich Laila dazu bereit, frohen Mutes als Versuchskaninchen in ein tiefes Spaltenloch zu springen. Zunächst lief alles wie geplant, doch dann missglückte dem Rest der Seilschaft ein sicherer T-Anker und Laila rutschte zwei Meter tiefer in den Gletscherschlund. Als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, überraschte uns hinterrücks plötzlich ein Gewitter mit Starkregen. Durchnässt, aber sicher zurück an der Hütte, wussten wir noch nicht, dass dies nur der Anfang einer wetterbedingt einzigartigen Woche war…

Gipfelgrat zwischen Wildspitze und Wildspitze Nord-Gipfel
Foto: Tim Jonas

Tag 2: Rechter Fernerkogel (3.298 m)

Schon nach wenigen Metern auf dem Mittelbergferner bewies Laila ihre Schwimmkünste und versank im Gletschersumpf. Die zweite Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten.

Auf dem Weg zum Gipfel erschwerte uns ein arktischer Schneesturm die Sicht und das Vorankommen. Nachdem wir uns unserem Schicksal der Wetterlage ergeben hatten, tat sich eine Felswand vor uns auf und wir überlegten, in einem Notbiwak zwischen den Felsen auf einen Wetterumschwung zu warten. Doch mutig wie wir waren, beschlossen wir dennoch den wacklig, brüchigen Grad zum Gipfel hoch zu stolpern. Doch ohne Schnee und Eis stellt sich der Rückweg als einfaches Gehgelände heraus.

Tag 3: Überschreitung des Karleskogels (3.107m) und des Pitztaler Jochköpfles (3.023 m)

Auf dem Weg zum Rettenbachjoch kämpften wir uns durch die langen Schlangen der E5 Touristen*) und scherten zu einem Überholmanöver aus. Wir mussten uns von den „Profi-Touristen“ anhören, dass wir nicht gut ausgerüstet seien, da wir keine Schneeketten hatten. Am Joch verließen wir den E5 und kraxelten in zwei Seilschaften von Stein zu Stein und von Kogel zu Köpfle. Auf dem Rückweg trafen wir erneut auf mehrere E5-Wanderer. Ein Bergführer belehrte uns, wie wir uns im Falle des Lostretens eines Steines zu verhalten hätten, um seine Bergführerqualitäten vor seiner Gruppe zu beweisen, obwohl das laute Rufen von „Achtung Stein!“ selbstverständlich jedem von uns bekannt ist.

In der Seilschaft auf dem Pitztalgletscher
Foto: Laila Meder

Tag 4: Wildspitze (3.768 m)

3:45 Uhr klingelte der Wecker. Mit Entsetzen stellten wir fest, dass das am Vorabend bestellt Thermofrühstück sehr karg ausfiel. Zwei Scheiben Brot pro Person sollten uns auf den zweithöchsten Berg Österreichs bringen. Fertig gefrühstückt und eigentlich bereit zum Losgehen, gabs nur noch ein kleines Problem zu lösen: Unsere Schuhe waren in der Gaststube eingeschlossen. Glücklicherweise war der engagierte Hüttenwirt Stefan schon wach, schloss uns netterweise die Tür auf und versorgte uns mit einem zweiten Frühstück. Noch vor Sonnenaufgang starteten wir unsere Tour im dichten Nebel. Doch mit zunehmender Höhe lichtete sich der Nebel und bot uns ein wundervoll sonniges Alpenpanorama. Gegen 12 Uhr erreichten wir glücklich das Gipfelkreuz der Wildspitze. Doch wie wir gelernt haben, endet eine Tour nicht auf dem Gipfel, sondern auf der Hütte. Zurück wählten wir einen anderen uns unbekannten Weg über einen durch die Nordwand begrenzten Grad über den Mittelbergferner. Wie immer angeseilt auf dem Gletscher unterwegs, war Axel plötzlich verschwunden und der Rest der Seilschaft stand angespannt da. Mit vereinten Kräften beförderten wir Axel mittels Mannschaftszug wieder aus der Spalte zu Tage. Vollständig rutschten wir im Schneematsch zurück zur Hütte.

Wildspitze Nord-Gipfel (3.765m)
Foto: Laila Meder

Tag 5: (Gn)eiszeit – Mehrseillänge auf den Karleskogel (3.107m)

Nach vier Tagen anstrengender Hochtourengeherei nahmen wir uns eine Mehrseillängentour mit knapp 300 Klettermetern vor. Die Sonne sollte noch bis zum Mittag scheinen, doch in den letzten Seillängen überraschte uns Schneefall und später Regen. Insgesamt – nur mit Kletterschuhen an den Füßen – eine sehr kalte und nasse Angelegenheit. Nach Vollendung der letzten Seillänge wollten wir nur noch runter zu unseren warmen und trockenen Wanderschuhen, doch das Abseilen entwickelte sich zur Odyssee. Das nasse Seil meinte es nicht gut mit uns und bildete an jedem Stand einen Monsterknoten. Gerade rechtzeitig zum Abendessen erreichten wir das Warme und Trockene. Eigentlich gedacht als Erholungstour nach der Wildspitze, kehrten wir an diesem Tag so spät zurück wie nie.

Tag 6: Eiskletterversuch am Karlesferner

Nach fünf Bergbesteigungen an fünf Tagen war am letzten Tag keiner mehr für einen weiteren Gipfel zu motivieren und so probierten wir es mit dem Eisklettern. Am Gletscherbruch angekommen, begann Axel mit dem Einrichten der Topropes. Dabei mussten wir feststellen, dass massive Eis- und Steinschlaggefahr bestand. Um der konkreten Lebensgefahr zu entgehen, traten wir einen schnellen, aber geordneten Rückzug (wie immer im Regen) an. Doch leider hatten wir für sechs Personen nur fünf Gurte und Helme dabei. Tim blieb nichts anderes übrig als mit improvisiertem Rucksack-Helm und aus Bandschlingen gebastelten Gurt zurück zur Hütte zu laufen, aber „Hauptsache ein dicker Bizeps“ (Zitat Tim) ;-) Zur Entschädigung gönnten wir uns einen Kaiserschmarrn, der brüderlich und schwesterlich geteilt wurde.

Insgesamt hatten wir zwar eine nasse, aber dennoch sehr schöne und ereignisreiche Woche in einer tollen Hütte! Wie haben uns sehr über das leckere Essen und das sehr nette Hütten-Team gefreut! Wir kommen gerne wieder!

*) Der E5 ist ein Fernwanderweg. Er wird jährlich von 20.000 Touristen begangen. Offiziell hat der Weg 31 Etappen, wovon der durchschnittliche E5-Gehende nur die Strecke von Oberstdorf nach Meran in sechs Tagen zurücklegt. Die
Bedürfnisse eines E5-Gehen- den weichen dabei stark von denen eines Hochtourengehenden ab. Die Braunschweiger Hütte ist die höchstgelegenste Unterkunft auf dieser Strecke. Dies hat zur Folge, dass täglich ca. 180 Gäste ein- und auschecken… Wir waren die Einzigen, die die umliegenden Berge bestiegen haben.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 3. November 2019