Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2020
Allgemein

Expedition zu zweit, erfolgversprechender?

Bergsteigen in Nepal

Thomas Schmidt

Im fernen Nepal: die Tatsache, dass da noch wer ist, der weitergeht, wenn ich mich schwach fühle – der motiviert zu sein scheint, wenn meine eigene Motivation gerade „pausiert“ usw., so in etwa beschreibt Reinhold die Wirkung seines Bergpartners Peter Habeler u.a. in „Die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will“, und ich fühle mich davon angesprochen – bestätigt und inspiriert.

Kathrin Müller und ich mit Blick auf den Jannu, 7711 m
Foto: Thomas Schmidt

Mit diesen Gefühlen ging es am 27.09.2019 nun auch für uns wieder auf Expedition – nach Nepal mit dem Ziel, dieses schöne Land nochmal neu zu erleben.

Was ist für uns in petto? Zwei schön gelegene, technisch aber nicht schwierige 6000er: für mich, 2016 erfolgreich an einem 7000er, gefühlt die größte Herausforderung darin, Kathrin ihre ersten zwei 6000er zu ermöglichen.

Nach 11 z.T. über 10 Stunden langen Trekkingetappen und ein paar sehr schönen Akklimatisationstouren (u.a. zum südlichen Jannu-View), starten wir also an Tag 12 morgens um 5 Uhr aus Lhonak. Einige kleine Flüsschen sind noch zugefroren, und im Licht der aufgehenden Sonne gelingt es uns, den von Blockgeröll geprägten Einstieg hoch zum höchsten der 6 „Dromo Sporne“ (Ausläufer des 6.855 m hohen Dromo Peaks) zu finden. Wir sehen auch bereits früh am Tag den Gipfelgletscher, welcher hier wie am Kilimandscharo (in Tansania) nahezu senkrecht geschichtet und linksseitig zu umgehen ist. Bis dahin gilt es aber noch eine extrem kraftraubende Rampe aus Blockgeröll zu ersteigen. Meter um Meter und Pause um Pause arbeiten wir uns empor; der Gletscher will nicht wirklich näherkommen!

Kathrin beim Aufstieg zum Gipfel
Foto: Thomas Schmidt

Zum Verständnis: unser Nachtlager war auf 4.800 m, unser höchstes Tourenziel bisher lag nur wenig über 5.000 m, jetzt bewegen wir uns um die 5.500 m und wir merken, wie die Luft dünner wird…

Geschafft! Wir können um den Gipfelgletscher herum den eigentlichen Gipfel (6.215 m) erblicken, und der Weg ist „frei“, d.h. 1er Gelände – leichte Kraxelei :-)

So erreichen wir beide nach über 1.400 HM Aufstieg unseren Gipfel – Kathrin durch mich motiviert, nicht am Gipfelgletscher aufzugeben und ich glücklich darüber, dass wir zu zweit die überwältigende Aussicht und das Top-Wetter genießen können: es gibt sogar einen „Kräuter“-Gipfelschnaps :-)

Der 6.215 m hohe Gipfel ist übrigens schnee- und gletscherfrei, eine Rarität selbst in Nepal. Wir verbringen etwa 1h dort oben, mit dem Dunkelwerden sind wir zurück in Lhonak. Zwischendrin der Abstieg fordert bei Kathrin die letzten Kräfte, ich komme mental ebenfalls an mein Limit in einer Situation, als Kathrin nicht der von mir gewählten Abstiegsroute folgt. Aber es geht weiter, und mit Unterschreiten der 5.500 m-Marke fällt es uns auch entsprechend leichter…

Blick auf den Kangchenjunga (8.586m)
Foto: Thomas Schmidt

Verdientermaßen verbringen wir den nun folgenden Ruhetag im weitläufigen Tal – wir gehen zum Kangchenjunga Basecamp, übernachten dort (auf ca. 5.143 m) im Zelt, und kehren an Tag 14 zurück nach Lhonak.

An den nächsten 3 Tagen wählen wir einen extrem selten begangenen Weg in Richtung tibetische Grenze, mit dem Ziel, einen 6.466 m hohen Grenzberg zu erklimmen, welcher sich östlich des Chabuk La befindet und auf älteren Fotos „machbar“ aussieht.

Kathrin am Seil und Blick auf Kangchenjunga (links) und Jannu (Nordansicht, rechts)
Foto: Thomas Schmidt

Vor Ort am Gipfeltag wird mir jedoch relativ schnell klar, dass der Chabuk La (6.150 m hoher Pass) eine schwierige Kletterei darstellt und entscheide – zu Kathrins Unbehagen, dass wir uns den Versuch dort „sparen“, dafür die Zeit nutzen, um den 6.214 m hohen Nachbarberg zu versuchen. Letzterer erweist sich für insofern als genau die richtige Herausforderung, als dass wir später am Tag ca. 1/2 Stunde vor der Dunkelheit zurück im sicheren Lager sind.

Diesmal haben wir (die obersten 150 HM) auch Gletscher zu begehen – Seil, Steigeisen und Pickel kommen zum Einsatz.

Wieder motivieren wir uns gegenseitig: Kathrin ist mir beim Kraxeln aufgrund weniger Rucksackgewichts zumeist voraus, auf dem Gletscher kehrt sich das um, und den Abstieg bewältigt jeder von uns in seinem eigenen Tempo.

Was für ein Erfolg: zu zweit haben wir Ziele erreicht, die wir uns selbst überlegt hatten. Wir waren flexibel, es gab wenig Reibungsverluste – wir beide einfach in unserem Element, dem Bergsteigen. Beide hatten wir viel Freude an unserer Freiheit dort oben, was auch der Fall gewesen wäre, wenn wir unsere Gipfel nicht erreicht hätten. Und vielleicht ist dies eine Definition von Erfolg, nach welcher Expeditionen zu zweit vergleichsweise erfolgversprechend sind…

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 16. Mai 2020