Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2020
Allgemein

Drei Zinnen 1994

Abenteuer in der Westlichen Zinne Nordwand

Günter Gersdorf
Die drei Seen
Foto: Günter Gersdorf

Es heißt ja immer, wenn der Tod naht, zieht das ganze Leben noch einmal an einem vorbei. Na gut, so gesehen war der Tod vielleicht doch nicht so nahe, denn diese Erfahrung habe ich damals nicht gemacht. Aber der Reihe nach...

Das kleine Paradies
Foto: Günter Gersdorf

Ende der Achtziger, Anfang der neunziger Jahre hatte Henning aus Hannover, ein Freund aus der damaligen Ith-Szene, bei uns in der Sektion einen Diavortrag über Klettern in den Alpen gehalten. Eine schöne Abwechslung zu den üblichen Vorträgen über Wandern, Blumen usw. Dort sagte er "Wenn du den sechsten Schwierigkeitsgrad beherrscht, kannst du in den Alpen die ganzen Klassiker klettern". Das hatte sich bei mir festgesetzt! 1994 war es dann soweit, nach 16 Jahren klettern fühlte ich mich reif genug dazu. Martin und ich fuhren in die Dolomiten, genauer gesagt zu den Drei Zinnen, mit den Alpenklassikern schlechthin.

Westliche Zinne Nordwand
Foto: Günter Gersdorf

Unter der Nordwand der Westlichen Zinnen, nahe der Malga Langalm, gibt es drei kleine Seelein mit wunderbar klarem Wasser. Dort schlugen wir unsere beiden kleinen unauffälligen Zelte auf. Zwei kleine Zelte fügen sich besser in die Landschaft ein als ein großes, denn das Gebiet war schon damals Nationalpark und Zelten natürlich eigentlich verboten. Es herrschte bestes Kletterwetter, wir studierten die Nordwände und Martin versuchte, das Löchlein in seiner Therm-a-Rest Isomatte zu finden.

Warum weiß ich nicht mehr, aber wir entschieden uns für die Cassin an der Westlichen Zinne. Vielleicht war es der prickelnde Gedanke, über diesem Riesendach entlangzuqueren, vielleicht aber auch, weil die Cassin mit VI-/A1 bewertet war, die Comici an der Großen Zinne aber 'nur' mit V+/A1. Bevor wir dort einstiegen gönnten wir uns aber erstmal einen Trainingstag und kletterten den Originaleinstieg der Cassin. Diese fünf Seillängen im sechsten Schwierigkeitsgrad wurden schon damals eigentlich nicht mehr geklettert, waren aber eine gute Gelegenheit, sich an den Zinnenfels zu gewöhnen und sein Klettervermögen zu testen.

In der ersten schwierigen Seillänge
Foto: Günter Gersdorf

In Richards wunderbarem Lesebuch (vulgo Kletterführer) über die Sextener Dolomiten von 1983 kann man zur Cassin lesen: "Die Haken sind nicht immer übertrieben fest, was Flugversuche rasch zu Ausnagelaktionen machen kann". Wie wahr! Am folgenden Tag kletterten wir also den inzwischen üblichen Einstieg in leichtem Gelände (ca. IV) zu einem Schuttkessel. Von hier quert man auf einem Band weit nach links und um einen Pfeiler herum, wo man dann auf den Originalweg stößt.

Ich querte also auf diesem Band, sah dann aber, dass diesseits des Pfeilers auch ein paar Haken steckten. Das sah durchaus kletterbar aus und verlockte mich doch sehr, also ging ich's an. Nach ein paar Metern konnte ich einen Bohrhaken klinken, nach ein paar weiteren Metern steckte ein Normalhaken. Der schaute allerdings recht weit heraus und ich band ihn ab. Weiter gings in nicht allzu schwerem Gelände, vielleicht V. Super, ein guter Seitgriff für die rechte Hand und auch die linke Hand fand einen Seitgriff. Herzhaft durchgezogen und ... ab ging der Flug! Ich spürte einen kurzen Ruck und wußte, das war der Normalhaken. Nicht mein Leben zog jetzt an mir vorbei, sondern mir war klar, das ich mich durch das Ausnageln gedreht hatte und mit dem Kopf voran weiterflog. Und ich dachte nur, wenn der Bohrhaken auch nicht hält, schlage ich ziemlich ungebremst mit dem Kopf zuerst auf dem Band auf. Da würde mir dann auch der Helm wohl nicht viel nützen. Dann kam aber ein weiterer, diesmal heftiger Ruck und ich klatschte mit dem Rücken gegen die Wand. Meine Schutzengel waren bei mir, der Haken hatte gehalten und mein Rucksack, insbesondere meine metallene Trinkflasche darin, hatte den Anprall gedämpft.

Erste Quergangsseillänge
Foto: Günter Gersdorf

Was war passiert? Offensichtlich gehörten die Seitgriffe zu ein und derselben Schuppe, die mehr oder weniger wohl nur noch an der Wand klebte und meinem Angriff nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Zum Glück stand Martin ja weit rechts, so das er nicht in der Schußlinie war, aber es muß heftig gescheppert haben, als das Ding irgendwo aufschlug und zerbröselte. Und wir waren ja hart damals. Martin ließ mich zum Band ab, ich sortierte meine etwas eingeklemmten Weichteile und weiter gings. Diesmal in der Standardvariante um den Pfeiler herum und dann hoch.

Zweite Quergangsseillänge
Foto: Günter Gersdorf

Es folgten dann die wunderbar luftigen Schlüsselseillängen, die wir natürlich in traditioneller Weise, also unter herzhaftem Einsatz der Trittleitern, kletterten. Erst schräg links aufwärts, dann die zwei Quergangsseillängen und noch mal schräg links hoch. Damit verließen wir den steilen, gelben Fels und kamen zu den grauen Wandpartien, die sich auch deutlich zurücklehnten. In freier Kletterei (max. V) und zunehmend leichter werdend ging es entlang des markanten Wasserstreifens weiter hoch. Nach rund 25 Seillängen (damals waren die Seile und die Seillängen noch nicht so lang wie heute) und deutlich überschrittener Führerzeit (die mit 6-8 Stunden angegeben war, wir hatten 14 Stunden gebraucht) erreichten wir schließlich den Gipfel.

Technisches Klettern
Foto: Günter Gersdorf

Zeit zum Verschnaufen blieb uns nun natürlich nicht, denn es wurde schon deutlich dämmerig. Nach kurzem Abklettern fanden wir einen Überhang unter den wir uns hocken konnten. Wie schrieb Richard in seinem Lesebuch: "Zur Mitnahme empfohlen 40-m-Seile, einige Normalhaken (...), etwas Dübelholz, (...) Steigklemmen, Biwakzeug". Mit Ausnahme der Seile hatte wir natürlich nichts davon dabei, insbesondere eben auch kein Biwakzeug. Und so wurde es doch eine recht kühle Nacht, bei der wir schön beobachten konnten, wie ein Gewitter näher zog. Zum Glück war es nur ein kleines und unter dem Überhang blieben wir auch trocken. Mit klammen Gliedern vollendeten wir dann am nächsten Tag unser Abenteuer, kletterten und seilten über den Normalweg ab und erholten uns in unserem kleinen Paradies an den kleinen Seen.

Noch zwei Touren kletterten wir in den folgenden Tagen, die Gelbe Kante an der Kleine Zinne und den Preußriß auf den Preußturm. Dann mußten wir unser Paradies leider verlassen. Eine Gruppe Tschechen gesellte sich zu uns, mit großen und auffälligen Zelten. Das blieb dann auch den Parkrangern nicht verborgen und wir wurden höflich, aber sehr bestimmt des Platzes verwiesen.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 16. Mai 2020