Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2020
Klettergruppe60plus

Haben Felsen Kontaktbeschränkungen?

Alternativer Bergsport der 60+ Klettergruppe in Coronazeiten

Klaus Steube

Kurz nach dem Corona-Lock-down stiegen die Temperaturen: Wanderer und Kletterer juckte es gleichermaßen in den Füßen und die Gedanken kreisten immer schneller um die Frage „Was tun“?

Auch wenn alle offiziellen Aktivitäten der Sektion ab- oder untersagt waren, heißt das ja nicht zwangsläufig, die Zeit in der Isolation zuhause verbringen zu müssen. Stets privat, in der Familie oder zu zweit (aus getrennten Haushalten), vieles war möglich. Mitteilungen in den internen sozialen Netzwerken von Einzelnen oder ganzen Gruppen der Sektion gaben Zeugnis vom kreativen Krisenmanagement. Eine Vielzahl bebilderter Spaziergänge, Wanderungen, Schatzsuchen, Landschaftsrätseln wurden „geteilt“ und animierten zur Nachahmung. Und das nicht nur in der Sektion. Gefühlt waren mehr Menschen „draußen“ als zuvor, Angehörige der „Risikogruppen“ allerdings vorsichtiger.

Pagodenstein
Foto: Klaus Steube

Mitglied der 60plus Gruppe zu sein, bedeutet auch mindestens, einer Risikogruppe anzugehören. Kontaktbeschränkungen/verbote, Kletterwand gesperrt, Kletterhallen geschlossen… Aber Felsen waren zugänglich. “Keine riskanten Unternehmungen“ mahnte die DAV Geschäftsstelle aus München und meinte damit bestimmt, den Einsatz von Rettungskräften beim Bergsport nicht zu provozieren (aber sollte das nicht immer der Fall sein?). Warum nicht etwas Angenehmes mit Nützlichem verbinden? Mit dem neuen, reich bebilderten Kletterführer des Okertales von Axel Hake im Gepäck ging es erstmal alleine los, neue-alte Felsen zu besichtigen, die nicht direkt in 10-Min Reichweite des abgestellten Autos im Okertal lagen. Den Pagodenstein, ostseitig, erreichbar über die „Harzchaussee“ vom Eschwegefelsen talauswärts gelegen, hatte ich als dunkel und feucht in Erinnerung und staunte daher nicht schlecht, wie „hell“ (und trocken) es inzwischen (April) dort ist. Die Trockenheit hatte Bäume dezimiert und das Nadeldach gelichtet. Aber oh weh!: dichter Filz aus Erde und Nadeln verbargen Tritte und Griffe zahlreicher Routen. Hier müsste man mal entkusseln… So machten sich zwei an Kletterentzug leidende 60plusser mit Gartenwerkzeug und Handbesen bewaffnet auf, um die leeren Gruppentermine mit kletterähnlicher Betätigung zu füllen: Jeweils mit dem eigenen Auto angefahren, führten Michael Zielen und ich die einstmals griffigen Routen in ihren ursprünglichen kletterbaren Zustand zurück: jeder hing am eigenen Seil auf gegenüberliegenden Seiten des Felsens und wir kratzten, schabten und fegten bis zur Erschöpfung von Mensch und Material (anfangs waren die Mund-Nasemasken noch nicht im Gespräch, wären aber sehr nützlich gewesen). Logistisch unterstützt wurden wir von Axel Hake, der uns zwei Umlenker auf den Felskopf stetzte, um unser Tun und das von zukünftigen „echten“ Kletterern zu erleichtern (vielen Dank dafür, eine gelungene Motivation). Die Routen wurden dann doch – selbstverständlich! – beklettert und auch gleich noch unbekannte (?) Varianten ausprobiert.

Großer Dülferklotz, Untere Ostseite
Foto: Klaus Steube

„Ganz schön schwer für eine 4+“ (lags am Alter der Route oder der Kletterer oder dem Trainingsrückstand?). So angespornt ging es in den Wochen danach zum Gr. Dülferklotz. Frühe Wege aus den 50er Jahren, wie die Südostkante, der lange Ostgrat und seit langem unbekletterte Varianten der Ostwand (alle um die III) wurden entgrätet. Ungeahnte Risse, Spalten, Tritte kamen zum Vorschein, sogar ein alter, abgestorbener Baum wurde aus Sicherheitsgründen entfernt.

Michael beim Putzen
Foto: Klaus Steube

Das Herz jedes Klemmkeillegenden sollte beim Anblick der Fülle von Sicherungsmöglichkeiten höherschlagen. Auch auf der Südseite lud eine weitere logische Rissfolge zum Entkusseln ein und entpuppte sich nach Freilegung als leicht kletterbare Anfängerroute (die wir in keinem der verfügbaren Kletterführer fanden). War hier wirklich noch nie jemand geklettert? Kaum zu glauben? Und in der Tat, Axel Hake informierte uns nach Rückfrage, dass „viel früher“ hier geklettert wurde, aber nun dieser Bereich der unteren Südwand geschont werden möge, damit sich wieder felstypische Flora entwickeln kann. Unsere Entfernung der wuchernden Brombeerranken könnte dies erleichtern. Eine entsprechende Zonierungsregelung in einer Neuauflage seines, erst ein Jahr alten, Kletterführers ist geplant. - Der Gr. Dülferklotz ist jedenfalls nun fast „clean“ (einige der schweren Routen auf der Nordseite warten noch auf die klettermäßige Wiederherstellung) und bietet nun für Anfänger und Kletterkurse neue-alte Möglichkeiten. – In der Nachbarschaft steht der Zipf, an dem sich Günter Gersdorf vergnügte, nachdem er „endlich“ von Kroatien nach Braunschweig einreisen durfte und etwas zeitverzögert zum Putzkommando stieß. Die schönen langen talseitigen Routen warten nun auch hier auf die Wiederbelebung. - An einem regnerischen Tag kletterten Michael und ich in der Marienwand und staunten, dass selbst in so beliebten Routen wie der „alten Südwand“ kiloweise Nadelstreu die schönen Risse und Ritzen verstopfen, die viel besser für Hände oder Keile genutzt werden sollten. Aber es gibt ja noch genug andere (und jüngere) Kletterer, die statt Keile und Friends bestimmt auch mal Kratzer und Besen in die Hände-Wände nehmen werden.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 24. August 2020