Hochtourengruppe

Alpinklettern in der Stevia- und Geislergruppe

Matthias Goebel u.a.

Animiert von der Berichterstattung im BS Alpin 04/2019, wurde von Mitgliedern der Klettergruppe der Entschluss gefasst, noch einmal das Kletter- Eldorado Grödnertal zu besuchen. Es gibt dort heute so viele alte, aber auch neue Kletterrouten, dass es schwerfällt, die Richtigen für eine Woche herauszusuchen. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir im Vorfeld viel Zeit in Planung und Vorbereitung investiert haben. Die Wahl unserer Routen sah sodann wie folgt aus:

  • Sas de Mesdi (Dibonaführe) 430 m, 10. SL; IV
  • Glückturm am Torre Firenze 460 m, 14. SL; III-IV+, Stelle IV+ (A0)
  • Juacturm Nordwestpfeiler Hüttenführe 450 m, 13. SL; III-IV
  • Piza da la Creusc 250 m, 7. SL; III-IV, Stellen IV+"
  • Juacturm Victoria- Führe Südwestwand 390 m, 11. SL; IV,IV+
  • Kasnapoffturm Westwand 110 m, 3. SL; V,V+
Gruppenübergreifend unterwegs
Foto: Martin Schminder

Mit der Regensburger Hütte hatten wir nicht nur eine schöne Unterkunft mit guter Küche und netten Hüttenleuten, sondern auch einen top Ausgangspunkt für unsere Touren. Circa 20 Kletterführen lassen sich von hier in einer Zustiegszeit von max. 1 1/2 Stunden erreichen. Zeitweise waren hier 14 Braunschweiger- DAV Mitglieder gleichzeitig am Werke. Es herrschte ein reger Austausch untereinander und die Gemeinschaft gab sich Halt. Auch wurde mal heftiger diskutiert, welches nun die alpinere oder schwerere Route gewesen sei. Auch unsere besten Kletterer zollten der Gesamtunternehmung „Berg“ Ihren Respekt, wenn die Seilschaft manchmal erst nach mehr als 10 Stunden wieder heil auf der Hütte war.

Ausrüstungstechnisch sind wir gut mit den Empfehlungen im Kletterführer klargekommen. Nur die Routenbeschreibungen haben es uns an der ein oder anderen Stelle etwas schwerer gemacht, da Realität und Buch nicht immer übereinstimmten. Die Verhauer konnten aber allesamt ohne bleibende Schäden pariert werden.

Nachfolgend ein paar individuelle Eindrücke aus den 3 Seilschaften:

Einstiege finden?!

Schlüsselstelle am Kasnapoffturm
Foto: Wolfgang Pitsch

Anne Beer & Wolfgang Durner

Unsere Herausforderungen fanden wir im Finden der Einstiege. Das lag weniger an den technischen Schwierigkeiten, sondern an den sparsamen, zuweilen gar kryptischen bis fehlenden Angaben im Führer. Es ist gar nicht so einfach, in einer riesigen Wand eine kleine Bandschlinge oder einen Haken zu entdecken, der den richtigen Einstieg ziert. Den Vogel in der Hinsicht schoss der Kasnapoffturm ab, der unverwechselbar vor dem Sas de Mesdi steht und doch ein Rätsel in Hinblick auf den Einstieg aufgab. Die erste Sichtung durch Wolfgang endete am Fuß einer senkrechten Wand mit ein paar verrosteten Schlaghaken: „Hä – das soll V+ sein?“. Geholfen hat uns schließlich ein Bergführer, der mit seinen Kletter-„Schäfchen“ in Sichtweite im Klettergarten übte. Er erkannte unser Bemühen und rief uns zu, dass wir „durchs Loch“ zum Einstieg kriechen müssten. Von den Einstiegen kamen wir dann stets ganz gut durch die Routen, den guten Absicherungen an den Standplätzen sei es gedankt. So erreichten wir zeitig die Gipfel und konnten dort ausgiebig die prachtvolle Aussicht genießen, sowie das Fortkommen der Seilschaften gegenüber beobachten und kommentieren.

Off-Route-Tour

Gipfelbuch an der Sas de Mesdi, im Hintergrund die Odla de Cisles
Foto: Peter Männel

Peter Maennel & Wolfgang Pitsch

Die 10 Seillängen der Südwestkante am Sas de Mesdi klangen nach den Begehungen der ersten Routen machbar und der Reiz, weitgehend alles clean bis auf die Stände selbst abzusichern, war auch da. Nach dem Schlingenstand der 3. SL, nahmen die Beschreibung und die Realität in der Route zwei unterschiedliche Wege. Ist das die Rampe, die in einen Riss mündet? Hier sind jede Menge Risse. Da soll eine Schlinge am Ausgang des Risses sein. Ich sehe hier mehrere Schlingen in den Rissen. Am Stand sollen zwei Schlaghaken sein. Nach 35 m noch immer keine Spur von den Haken. Und irgendwie ist das auch keine IV mehr. Egal, weiter geht`s mit Friends und mobiler Sicherung. Rauf oder runter beraten wir? Hier stehen bleiben ist auch keine Lösung, also weiter rauf. Inzwischen sind schon sechs Stunden rum. Kurz was essen und weiter gehts. Kräfte mobilisieren, die mit einer dünnen Sanduhr gesicherte Querpassage absolvieren. Viel Abenteuer in einer vermeidlich leichten, nur 10 SL langen Route. Endlich der Gipfel mit einer grandiosen Aussicht auf die umliegenden Gipfel. Wie kommen wir jetzt rüber zum Ausstieg? Zu Fuß, ein Bus fährt hier nicht mehr. Der Abstieg über „seichte Rinnen“ entpuppt sich als ambitioniertes langanhaltendes Abklettern. Direkt vor dem Gewitter erreichen wir diese gegen 21 Uhr (die Hütte) und bekommen sogar noch unser Abendessen. Also immer schön Reservezeit einplanen, denn wir haben die Führerangabe mehr als verdoppelt!

Harmonische Seilschaft

Luftiger Grat an der Piza da la Creusc
Foto: Matthias Goebel

Nina Abel & Matthias Goebel

Das erste Mal gemeinsam in großen Wänden alpin unterwegs zu sein, ist immer etwas aufregend. Wie wird die Seilschaft funktionieren? Trotz der anfänglichen Nervosität, suchten und fanden wir unsere Ziele ruhig und souverän. In Erinnerung bleibt uns die B-Variante des Quergangs unterhalb der gelben Übergänge am Torre Firenze. Wo geht`s denn nun wirklich lang? Mit viel Luft unter den Sohlen folgten uns aber die nachfolgenden Seilschaften und eventuell war das ja doch die Original-Führe? Ebenfalls hitverdächtig die tennisballgroßen Schweißperlen bei Matti`s Verhauer ins Platten- Wirrwarr der Viktoriaführe, wenn die Rißspur ohne Möglichkeiten von belastbaren Zwischensicherungen zum Runout wird. Das Highlight war eine Begegnung der besonderen Art. Zwei steile Grate, Luftlinie geschätzt 250 m. auseinander, an beiden Routen dieser Klettergrate Freunde zu wissen, Kletterer in der Route zu beobachten und sich letztlich gegenseitig zu erkennen und zuzurufen (Jaaacomooo), war ein besonderes, gruppenübergreifendes Glücksgefühl.

Für Auskünfte stehen wir gerne bereit.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 26. März 2021