Hochtourengruppe

Hochtouren in Zinal

Bericht einer zweiwöchigen Reise in den Schweizer Kanton Wallis

Jens Köhler

Im Dezember 2020 wurde bei einem (virtuellen) Planungstreffen der Hochtourengruppe die Idee entwickelt, trotz unklarer Pandemielage im Hochsommer eine zweiwöchige Alpenfahrt zu unternehmen, mit der Absicht, Hochtouren zu unternehmen. Motiviert durch den Panorama-Artikel über das Zinaltal trafen sich vom 24.Juli bis 7.August 2021 insgesamt neun Mitglieder der Hochtourengruppe in Zinal: Andrea Bertram, Jessica Schrader, Martin Schminder, Jaime Hernandez, Ronald Scheffler, Holger Blume, Jens und Gudrun Poggemann und Jens Köhler.

Die meisten von uns bauten ihr Zelt auf dem Zeltplatz „Relais de Tchoucdana“ auf, nur Jens und Gudrun bevorzugten eine bequeme Ferienwohnung im Dorf. Zinal liegt auf ca. 1650m Seehöhe, die umliegenden Berge reichen weit über die 4000 Meter hinaus, die berühmtesten unter ihnen sind Weißhorn (4.505m), Zinalrothorn (4.221m), Ober Gabelhorn (4.073m), Dent Blanche (4.358m) und Grand Cornier (3.969m). All diese Berge waren für uns aber eine Hausnummer zu hoch, wir liebäugelten daher von Anfang an mit dem 4.153m hohen Bishorn, der als einer der einfachsten 4000er der Alpen zählt (gleichauf mit Allalinhorn und Breithorn).

Jens K., Jaime, Holger und Andrea bei den Bouqetins, im Hintergrund Grand Cornier
Foto: Jens Köhler

Doch bevor wir uns dem Bishorn näherten, begannen wir mit den üblichen Eingehtouren, um unsere Höhenanpassung zu verbessern. Am 25.Juli wanderten wir einen Panoramaweg unter der Garde de Bordon entlang, dabei erreichten wir 2.600m. An der Cabane du Petit Mountet (2.412m) konnten wir einen Blick auf den verblockten Zinalgletscher werfen. Zwei steile Moränenhänge zeugten von der einstigen Mächtigkeit dieses Gletschers, der jetzt schuttbedeckt unten im Tal sein Dasein fristet. Eine weitere Eingehtour folgte tags drauf zum Roc de la Vache, nochmals 2.600m hoch. Mit dem Pas du Chasseur wählten wir für den Abstieg den wohl abenteuerlichsten Pfad im Zinaltal: Durch ausgewaschene Felsrinnen ging es an Ketten sehr rutschig und glitschig hinab zum Gletscherfluss Navisence. Am 27. Juli fuhren wir mit dem Postbus zum Moiry-Stausee, dadurch erreichten wir frei von Anstrengung bereits eine Ausgangshöhe von 2.350m. Schneller Aufstieg zur Cabane de Moiry, von dort dann steiler und über viele Firnfelder hinauf zur Scharte „Col du Pigne“, 3.140m. Jetzt wurde die Luft schon dünner, und nur die beiden Jens, Holger und Ronald hängten noch den Aufstieg zur Pigne de la Le (3.396m) dran. Damit hatten wir schon eine passable Reizhöhe erreicht, die wir aber auch in den Lungen merkten. Zurück in der Scharte trennten sich die Wege. Die meisten wollten über die Moiry-Hütte zum Postbus zurück, nur Ronald, Jessica, Martin und ich stiegen über die Alpe de la Le nach Zinal ab (vom Gipfel ein Abstieg von 1700 Höhenmetern!). Dafür wurden wir vier beim Abstieg durch einen sehr fotogenen Steinbock belohnt.

Jaime, Jens K., Martin, Holger, Jessica und Ronald auf dem Bishorn. Links das Weißhorn
Foto: Jens Köhler

Doch dann waren es der Eingehtouren genug. Mit viel Glück bekamen wir acht Schlafplätze auf der Moiry-Hütte (Gudrun kam nicht mit), am 28.Juli stiegen wir am Nachmittag bei nachlassendem Dauerregen auf. Am Morgen des 29.Juli begrüßte uns ein blauer Himmel, perfektes Hochtourenwetter! Wir teilten uns in zwei Gruppen auf und erkundeten anschließend den oberen Teil des Moiry-Gletscher.

Seilschaft 1 (Jens K., Holger, Andrea, Jaime) bestieg den mittleren der Bouquetins-Gipfel (ca. 3.600m), Seilschaft 2 (Ronald, Jens P., Martin, Jessica) hängte nach den Bouquetins noch die Pointe de Bricola (3.573m) am südwestlichen Rand des Gletscherplateaus dran. Damit hatten wir alle eine erste grandiose Gletschertour geschafft und konnten gut gelaunt mit dem Postbus zurück nach Zinal fahren.

Es folgten danach leider zwei wettermäßig instabile Tage. Einen davon konnten wir immerhin für den Klettersteig unter der Moiry-Staumauer verwenden, aber der andere Tag „ertrank“ im Dauerregen. Aber dafür hat man ja Bücher mit.

Jessica, Martin und Jaime im Illhorn-Westgrat
Foto: Jens Köhler

Dann aber pirschten wir uns an das Bishorn ran. Für den 2.August war ein Schönwettertag angesagt, und für die Nacht davor war auf der Cabane de Tracuit auf ca. 3230m noch Platz für uns. Aber es sollte eine „per aspera ad astra“-Tour werden. Ab 2.400m Höhe setzte beim Aufstieg Dauerregen ein, ab 2.700m ging der Regen in Schneeregen über, ab 3.000m dann in Schnee. Klitschnass und extrem durchgefroren erreichten wir nach und nach die Cabane de Tracuit. Die Hütte wurde 2012 neu gebaut, und sie haben dabei den Trockenraum vergessen! Dennoch bekamen wir unsere Klamotten wie durch ein Wunder bis zum Morgen halbwegs trocken. Der Lohn für diese Mühen war ein makelloser Hochtourenmorgen. Südlich der Hütte stand eine beeindruckende Spitze aus Fels und Eis: Das Zinalrothorn. Den Sonnenaufgang konnten wir über dem Rhone-Tal bewundern, und durch den Neuschnee stapfend erreichten wir nach ca. 3½  Stunden den Gipfel des Bishorns. Die Aussicht auf das tief verschneite Weißhorn raubte uns den Atem, und im Südwesten war sogar der Montblanc zu sehen, alles gestochen scharf.

Doch die Kälte zerrte an Händen und Füßen, und so begannen wir nach nur 15-minütigem Gipfelgenuss den Abstieg. Gegen zwölf waren wir wieder an der Hütte, dort kurzes Aufwärmen und Umpacken, und schon endete das Wetterfenster, denn bei Schneegriesel machten wir uns nun an den langen langen Abstieg ins Zinaltal zum Zeltplatz.

Die verbleibenden Tage verbrachten wir mit leichteren Touren: Der Klettersteig am Moiry-Stausee wurde noch einmal besucht, wir unternahmen eine Tagestour zur Cabane de Grande Mountet (2.886m), um das gewaltige Gletscherrund aufgespannt von Zinalrothorn, Ober Gabelhorn, Dent Blanche und Grand Cornier hautnah zu erleben, und als Abschiedstour vor der Heimreise (bzw. Weiterfahrt ins Lechtal) überschritten wir das 2.717m hohe Illhorn bei Chandolin am nordöstlichen Ende des Zinaltals, 2.200 Meter über dem Rhonetal thronend.

Es bleibt die Erinnerung an eine tolle Gruppe, die kreativ mit allen Wetterunbilden umgegangen und der nie die gute Laune ausgegangen ist. Danke für zwei schöne Wochen im Wallis!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 28. September 2021