Klettergruppe60plus

Klettern in den Tannheimer Alpen

Die Klettergruppe 60+ unterwegs

Brigitte Moritz / Günter Gersdorf
Aggenstein und Bad Kissinger Hütte
Foto: Günter Gersdorf

Gruppenfahrten in Corona-Zeiten zu organisieren, war auch dieses Jahr nicht einfach. Vieles fiel leider auch für die Klettergruppe 60+ aus, z.B. die tradionelle Fahrt nach Arco. Bis Anfang September Klaus Steube die Initiative ergriff und doch noch kurzfristig etwas auf die Beine stellte. Die Tannheimer Berge sollten das Ziel sein, zunächst die Bad Kissinger Hütte am Aggenstein. Dort trafen Brigitte, Klaus und Günter nach einem späten Hüttenaufstieg "dank" vieler Staus auf der A7 auf Wilfried, der sich schon einige Tage in den bayrischen Bergen vergnügt hatte.

Spätsommer an Aggenstein und Gimpel

Brigitte in der Südwestkante, darunter Wilfried und Klaus
Foto: Günter Gersdorf

Die Kühe waren schon unten und blockierten das Nebensträßchen zwischen Grän und Pfronten. Oben blühten Edelweiß und Eisenhut, beim Klettern tropfte der Schweiß und vom Südgipfel des Aggenstein schauten wir weit bis in die Lechtaler und ins Flachland, auf Füssen, Lech und Forggensee. Nach vielen Wochen in den Alpen, an denen es nur wenige Tage ohne Regen gab, war diese Woche geprägt von eitel Sonnenschein!

Volle Bad Kissinger Hütte

Die letzte Ferienwoche in Bayern und BaWü - das hieß zwischen 11 und 16 Uhr Karawanen beim Auf- bzw. Abstieg vom Aggenstein, wo nach dem breit ausgetrampelten Weg noch eine seilversicherte Kraxelstelle zu überwinden war. Trotz Drahtseil stürzte jemand, verletzte sich am Kopf und wurde spektakulär mit dem Hubschrauber ausgeflogen.

Die meisten Stände waren bequemer
Foto: Klaus Steube

Die Kletterrouten waren aber nur am ersten Tag – einem Sonntag – mehrfach belegt, danach hatten wir alles für uns alleine. Nur der Massenandrang auf der Hüttenterrasse, wenn wir zurückkamen, blieb uns erhalten. Nach Abzug der Tagesgäste war die Hütte immer noch gut voll, aber wir hatten ein gemütliches Vierbettzimmer. Und eine Geburtstagsgirlande und Gitarrenbegleitung fürs Ständchen am Montag, denn Günter wurde 69! Immer ein bisschen am Meckern, weil's keinen Nachschlag gab, bekam er eine Extraportion vom Dessert.

Angebotsvielfalt für Softmover am Aggenstein...

Die üblichen Gesellen
Foto: Günter Gersdorf

In der Südwand des Aggenstein gibt es 6 Routen mit Schwierigkeiten zwischen 3+ und 4+, also genau das Richtige für uns, auch da die Routen nur 5 (allerdings ziemlich lange) Seillängen lang sind. Da die Routen teils sehr dicht beieinander sind, haben die Einrichter jede Route mit einer anderen Sorte von Bohrhaken ausgestattet, so das man sich kaum verlaufen kann. Die Hakenabstände sind allerdings teils recht erheblich und das Anbringen eigener Keile/Friends war aufgrund des sehr kompakten (aber wunderbar rauhen) Gesteins schwierig. Dazu kommt ein kurzer Zustieg und eine Abseilpiste vom Südgipfel bis auf den Wanderweg zur Hütte – sehr bequem für den alpinen Bereich!

Brigitte und Wilfried
Foto: Günter Gersdorf

Wir beginnen am Sonntag mit der leichtesten, aber auch längsten Route, der Südwestkante, die zum Glück gleich frei war. Brigitte und Günter vorweg, Klaus und Wilfried in Wechselführung hinterher. Am Montag haben wir die freie Auswahl - wir sind die Einzigen am Fels :-) Klaus und Wilfried machen sich an die 'Linke Südwandplatte' (3+, 5SL) während Brigitte und Günter sich die 'Westtangente' vornehmen, mit 4+ die schwerste Route hier (sofern man die A0 Stellen in drei anderen Routen nicht frei klettert). Am Dienstag "Plattentausch": Wilfried und Klaus die 'Rechte Südwandplatte' (4-/A0) Brigitte und Günter die 'Linke Südwandplatte'. Klaus ist ein bisschen am Mosern über die ewige Plattenschleicherei, Brigitte findet: genau das Gegenteil. Aber sie steigt ja auch nicht vor! Und liebt die Abwechslung und beschließt, am Mittwoch zu wandern, Wilfried dito.

Klaus in der Kemptner Kante
Foto: Günter Gersdorf

Während diese beiden also gemütlich über Jöcher und Gipfelchen schweifen, steuern Klaus und Günter die Kemptner Kante an. Dazu müssen sie bis fast zum Aggenstein-Hauptgipfel hoch und auf dem berüchtigten 'Langer Strich', dem Normalweg von Norden, wieder ein Stück runter. Den Abzweig Richtung Kante finden sie noch, nicht aber den Einstieg im steilen Grasgelände wegen falscher Anzeige auf Günters Navi. Nach zwei Stunden schon kurz vorm Aufgeben, wird doch nochmal in einer Rinne etwas weiter hochgestiegen - und voil , da ist der Einstieg. Günter startet in die erste Seillänge und nach dem ersten Haken macht sich eine Felskante äußerst reibungsfördernd bemerkbar, aber das bekommt er in den Griff. Kurz vor dem Stand verhakt sich aber unten das Seil an dieser Kante - da hilft kein Ziehen und kein Zerren, guter Rat ist teuer.

Gruppenbild mit Dame - Günter, Klaus, Wilfried und Brigitte
Foto: Archiv Gersdorf

Zum Abklettern ist das Gelände doch zu heikel, schließlich war dies auch gleich die Schlüsselseillänge. Also Abseilen. Zum Glück kann Günter einen recht guten Friend setzten, aber lieber noch einen zweiten (schlechten) und eine Köpfelschlinge (noch schlechter). Egal, ganz vorsichtig runter während Klaus sich vermutlich fragt, was beim Vorsteiger abgeht, denn die akustische Verständigung ist praktisch nicht gegeben. Wieder in Hörweite finden die beiden folgende Lösung: Günter fixiert das Seil an dem Bohrhaken, den er inzwischen erreicht hat, Klaus steigt mit Prusikschlinge gesichert das recht leichte Gelände zum ersten Haken hoch, von dort kann er die Seilverklemmung lösen. Und nun kann Günter endlich zum Stand hochsteigen. Die nächsten drei steilen Seillängen gehen dann aber flott vonstatten und schließlich können sie in der Nachmittagssonne die letzten Seillängen, nun wirklich auf einer Kante (oder nun doch eher Grat) absolvieren. Günters Resümee: eher unlohnend, da sehr viel schottrige oder grasige Schrofen mit gelegentlich einem Felsaufschwung.

... schon spannender am Gimpel

Klaus in Till Ann
Foto: Günter Gersdorf

Brigitte und Wilfried müssen leider nach Hause, Klaus und Günter haben noch Zeit, steigen ab, kurzer Trip nach Nesselwängle und Aufstieg zum Gimpelhaus. Da haben sie die Qual der Wahl, viele neue Routen sind seit den 80er Jahren, damals war Günter jedes Jahr in der Gegend, an Gimpel, Rote Flüh etc. entstanden.

Luuuuftig
Foto: Günter Gersdorf

Am Aufstiegsnachmittag nehmen sie sich den Hüttengrat am Hochwiesler Ostsporn vor - leicht zu erreichen, 5 Seillängen und mit 4+ genau richtig schwer. Am Freitag heißt es sich beeilen, für den Nachmittag ist Regen angesagt. Ziel ist 'Till Ann' an der Zwerchwand, auch eine ziemlich neue Route, 8 Seillängen (die Klaus auf 7 verkürzte, da er einen Stand überklettert), die V-Stelle war wohl keine, denn sie ging unbemerkt unter. Und zum Schluß eine spannende luftige Abseile. Der Regen kommt dann tatsächlich, aber erst um 17 Uhr. Am Sonnabend trübt es sich endgültig ein, aber da ist die Kletterwoche eh zu Ende und Klaus zählt auf der Rückfahrt 28 Baustellen.

Aber alle sind zufrieden: Brigitte ist diese Saison überhaupt noch zum Alpinklettern gekommen, Günter konnte - mal wieder und immer noch - seine jahrzehntelange Erfahrung ausspielen und Klaus und Wilfried wurden zum eingespielten Wechselführungs-Team. Darauf kann man doch aufbauen, wenns wieder Sommer wird in den Bergen.

Die komplette Bildergallerie gibt es hier!

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 25. Dezember 2021