Hochtourengruppe

Wo ist hier der Gipfel?

Mitglieder der Hochtourengruppe lernen Bergsteigen

Klaus Steube
Ortler, Zebru und Königspitze
Foto: Volker Metzger

Was bedeutet Bergsteigen? Auf diese Frage wollten Lars und ich sieben Mitgliedern der HTG eine praktische Antwort geben und wählten dafür das Ortlergebiet in Südtirol. Als Stützpunkte dienten uns drei Hütten, um von dort unterschiedliche Touren zu unternehmen. Station 1 war die Düsseldorfer Hütte (2721m), auf der wir uns, nach getrennter Anfahrt, am späten Nachmittag des ersten Tages alle fast zeitgleich einfanden. Kurze Rast und weiter ging es, um den 3143m hohen Hausberg, das Hintere Schöneck, zu erklimmen. Befreit von der schweren Last des Rucksackes ging es zügig einen schmalen Bergpfad hinauf. Jedoch merkten die ersten bald, dass flotte Sonntagswanderungen im Harz nicht unbedingt Trittsicherheit auf Bergen vermitteln und die avisierte (Rückkehr)zeit nicht zu schaffen war. Lösung: drei stiegen ab, der Rest ging weiter auf den Gipfel und alle schafften es rechtzeitig zum Abendessen.

Klettersteig Tengelser Hochwand
Foto: Klaus Steube

Später, nach dem Einholen der Wetterprognose für die nächsten Tage stellten wir unseren Plan um: zuerst den Klettersteig auf die Tschenglser Hochwand und tags darauf auf den Gletscher mit Seil und Steigeisengehen. Strahlender Sonnenschein begleitete uns zum Klettersteig, der sich als schwieriger entpuppte als von Lars und mir erwartet. Immerhin auf 3375m, teilweise recht steil und ausgesetzt, waren Muskeleinsatz und Steigen auf kleinen Tritten gefordert. Nach ca. 100 Höhenmetern mussten daher leider zwei Teilnehmer den „Notaustieg“ nutzen, um wieder zur Hütte abzusteigen.

Unterbrechungsstelle
Foto: Oliver Koch

Im Nachhinein eine absolut richtige Entscheidung. Eine Stelle später war sogar recht heikel, weil dort eine Steinlawine die Eisenversicherung zerstört hatte. Nach gefühlten 4 Stunden konnten wir auf dem Gipfel eine herrliche Rundsicht genießen, doch der starke Wind trieb dunkle Wolken in unsere Richtung und gemahnte zum baldigen Aufbruch. Der Rückweg führte uns ein enges Kar hinab und bald erreichten uns die ersten Regentropfen, ohne jedoch in einen starken Regen umzuschlagen. Am nächsten Tag war das Wetter wirklich schlechter, was uns aber nicht davon abhielt mit Steigeisen und in drei Seilschaften über den sanften Gletscherhang den Gipfel des kleinen Angelus (3320m) anzugehen. Doch mehrere Steigeisen waren nicht optimal an die Schuhe angepasst und wiederum trennten wir die Gruppe. Diesmal gingen gleich drei zurück, während wir anderen einer schwachen Trittspur Richtung Gipfel folgten, der sich inzwischen in dichte Wolken versteckt hatte. Die Sichtweite sank weiter, die uns umhüllenden Wolken wurden dunkler und als es auf dem Gipfelplateau plötzlich um uns herum blitzte gab es nur eine Entscheidung: Umkehr! Begleitet von Blitz und Donner (wir zählten bange die Sekunden dazwischen), gingen wir so zügig wie möglich den Gletscher abwärts, um dann nach dem Ausseilen in heftigen Regen zu gelangen, der uns bis zur Hütte begleitete. Dort waren die meisten Gäste abgestiegen und wir konnten unsere pitschnassen Klamotten im kleinen Trockenraum ausbreiten. Der dritte Tag brachte dann endlich einer Seilschaft den Gipfel und uns allen nur etwas Regen. Vorher übten wir ausgiebig Eisschrauben setzen, Seilschaftsgehen mit Sturzübungen (und diesmal angepassten Steigeisen).

Nebelsuppe auf dem Gletscher
Foto: Oliver Koch

Der Cevedale mit ca. 3700m sollte der höchsten Berg der Tourenwoche werden, und dafür mussten wir einen Hüttenwechsel vornehmen: Der Abstieg nach Sulden und hoch zur Schaubachhütte diente etwas der Erholung; das Wetter gewährte uns Sicht auf Ortler und Königspitze. Eine Vierergruppe bummelte über das Skigebiet weiter zur Madritschhütte, um auf 2800m einen Kaffee zu trinken; Lars und ich erkundeten bei einem Abendspaziergang den geeignetsten Zustieg zum Gletscher und einen möglichen Passübergang auf die Südseite des Kammverlaufes, zum Rifugio Casati. Kurz vor dem abendlichen Regenguss konnten wir wieder die heimelige Hütte betreten. Zu Beginn des nächsten Tages begleitete uns anfangs wieder der Blick auf Ortler und Co, die sich jedoch bald in Wolken hüllten. Auch der Nebel fand zu uns, je höher wir den Gletscher aufstiegen. Die Sichtweite reichte gerade von unserer letzten zur ersten Seilschaft. Dies machte die bisherige visuelle Orientierung an Bergspitzen unmöglich und wir folgten nur einer älteren, schwachen Spur den Gletscher hinauf bis zu einer Scharte (die Lars und ich ursprünglich gar nicht ansteuern wollten), südwestlich der Suldenspitze. Nach einer kurzen Steilstufe empfing uns auf dem Kamm starker Wind, in dem sich zunehmend mehr Graupel mischte. Die Sicht ging gegen “null“.

Gipfel der Suldenspitze
Foto: Jan Henne

Mittels GPS-track stapften wir den Schneehang weiter aufwärts, bis nach kurzer Zeit das Gipfelkreuz der Suldenspitze (3376m) aus dem Nebel auftauchte. Irgendwo in südlicher Richtung sollte die Hütte liegen. Der Gratrücken war breit (auch wenn er irgendwo steil abfiel) und so gingen wir diesmal seilfrei, die GPS-Leute vorweg, langsam nach unten. Die Hütte selbst liegt auf 3250 m, es konnte also nicht weit sein. Und richtig, wir landeten punktgenau am Rifugio. Die Wirtsleute hatten uns bei diesem Wetter gar nicht mehr erwartet, und wir waren nebst einer weiteren Person die einzigen Gäste. Aufwärmen, Zimmer beziehen und dann nochmal raus in die Nebelsuppe: etwa 1km weiter auf der spaltenreichen Gletscherhochfläche stehen Relikte des 1. Weltkrieges, die „Tre Cannoni“, traurig-schaurige Mahnmale für den Wahnsinn des (Gebirgs) Krieges. Russische Kriegsgefangene sollten noch 1918 für die Österreicher diese schweren Kanonen herauf gewuchtet haben. Auch in der Hütte, einer ehemaligen ital. Kaserne, sind zahlreiche „Fundstücke“ aus dem Krieg ausgestellt.

Kanone aus dem 1. Weltkrieg auf 3300 m Höhe
Foto: Volker Metzger

Auf dem Gletscherfeld keine offenen Spalten, keine Spuren, nur ein GPS-track und natürlich auch keine Sicht. Dabei wäre die Aussicht von dieser hoch gelegenen Hütte oder den Tre Cannoni allein schon den Aufstieg wert, den man in einer leichteren, aber längeren, Etappe auch von der „italienischen“ Seite (die Casatihütte bildet die Sprachgrenze) angehen kann. Nachts tobte der Sturm und rüttelte an dem alten Gemäuer. Dichtes Schneetreiben und heftiger Wind vereitelten uns dann am nächsten Tag die Gipfeltour auf den Cevedale. Auch ein Bergführer, der für seine Klientin aufgestiegen war, schüttelte nur den Kopf und widmete sich seinem Kaffee. So traten wir den Rückweg an, der uns zuerst wieder auf die Suldenspitze führte. Noch hatte der Wind nicht alle unsere Spuren des Vortages verweht, doch ab Gipfelkreuz tasteten wir uns wieder mit GPS und „Gefühl“ zum Joch hinab, wo wir einer Führerseilschaft begegneten. Auf dem Joch tobte der Wind sehr heftig, die meisten kauerten sich erstmal zusammen, während Lars und ich Einzelne vorsichtig mit Seilsicherung das kleine Steilstück abließen. Auch wenn wir die ungefähre Richtung vom eigenen Aufstieg wussten, waren wir doch für die gelegte Spur der anderen Seilschaft dankbar und stiegen zügig ab. Bald ließ der Wind etwas nach und ab ca. 2800m gelangten wir wieder unter die Wolken. Die Anspannung legte sich und locker „hüpften“ wir den Hang bergab. Dabei konnten wir die zahlreichen aufsteigenden Seilschaften beraten oder deren Tun kommentieren. Bald kamen die ersten aus den Wolken wieder zurück, während andere Gruppen im unteren Teil des Gletschers, so wie wir die Tage zuvor, Gehen am Seil und auf Eis übten. An einigen Minispalten übten wir nochmal das Springen mit Seil, bis wir schließlich am Abseilpunkt noch einige wunderschön strukturierte Marmorsteine sammelten. Noch eine letzte unangenehme Passage am Geröllhang mit Toteis schloss das Abenteuer ab und dann schlenderte jeder für sich zur bereits sichtbaren Hütte. Diese teilten wir dann mit einer recht großen Zahl Menschen (es war Samstag), der jedoch unseren letzten, nun völlig unbeschwerten, Abend kaum eintrübte. Abschied und Abstieg bzw. Seilbahnabfahrt im Nieselregen, die Autoteams jeweils für sich und Heimfahrt – unser Auto legte, nebst Insassen, bei Gasthof Fischer in Betzenstein noch einen Zwischenstopp ein, um nochmal einen weiteren Tag zu klettern und fränkische Gastlichkeit zu genießen.

Ortler, Zebru und Königspitze mit Düsseldorfer Hütte
Foto: Volker Metzger
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 25. Dezember 2021