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Zur Ehrenmitgliedschaft

Richard Goedeke

Zur ersten wieder live möglichen Mitgliederversammlung der Sektion wäre ich auch gern dabei gewesen. Aber da meine noch berufstätige Frau gerade da ein Zeitfenster frei bekam, waren wir zu dem Zeitpunkt in der schönen Pfalz. Womit ich offenbar auch was verpasst habe.

Denn dann lese ich hinterher, dass mir diese Versammlung die Ehrenmitgliedschaft verliehen hat. Und der aktuelle Sektionshäuptling Thomas schlug dann bei uns auf und überbrachte zu diesem Anlass eine schöne Urkunde und dazu noch was Konsumierbares an wohlschmeckender Flüssigkeit.

Darüber freue ich mich und für all das sage ich ganz herzlich DANKE!

Unser Verein gab mir ganz besonders in meiner Jugend intensive Impulse zur Leidenschaft Bergsteigen. Vor allem danke ich dem damaligen Jugendleiter Rolf Leber für seine umsichtige und sachkundige Einführung zum Besuch der großen Berge der Zentralalpen. Mein rasch entwickelter Drang, von denen möglichst viele und die auch über die steilen Seiten zu erstürmen, verschaffte ihm manche bangen Momente. Besonders als ich am Morgen vor dem Talabstieg ihn noch vor Tau und Tag auf das gebesserte Wetter hingewiesen hatte. Meine Anfrage, dass das doch noch eine Besteigung der Wildspitze erlauben könnte, hatte er wegen der dann entstehenden Hektik abgewiesen. So war ich wenigstens noch auf den Karleskopf über der Hütte gestiegen. Und als beim Frühstück mein Fehlen auffiel, hatte er mich schon entsetzt am Normalweg zur Wildspitze in einer Gletscherspalte gesehen…

Auch drang mir ein Jahr später nach der nächsten tollen Gruppenfahrt zu hohen Bergen bei meiner Verabschiedung zu weiteren Touren auf eigene Faust ganz tief seine eindringliche Mahnung ein, er wolle wegen mir nicht den schwarzen Anzug anziehen… So danke ich wohl nicht zuletzt ihm, dass ich die gefährliche Phase des jugendlichen Beginnens überlebte. Und nach und nach hineinfinden konnte in echte Souveränität am Berg. Mit Gespür für das aktuell Mögliche, aber vor allem das noch wichtigere Gespür für die Grenze zur aktuellen hohen Gefahr. Nach dem alten Motto „Das Können ist des Dürfens Maß“. Die eigene aktuelle Fähigkeit und die der Gefährten genau zu erkennen und zu respektieren. Und dann neben dem Mut zum Steigen auch bei Bedarf rechtzeitig den Mut zur Umkehr zu finden. Und so schließlich einer der respektierten Könner des alpinen Trad-Bergsteigens zu werden, des Steigens von unten ins unbekannte Gelände, mit selbst geschaffener Sicherung, möglichst nur mit selbst gelegten Keilen und selbst geschlagenen Haken. Dem in diesem Stil neben Routen im Klettergarten und Wiederholungen großer Classics insgesamt immerhin über 140 längere Neutouren in richtigen großen Gebirgen gelangen. Und der dabei trotz allen immer bleibenden Restrisiken das große Glück hatte, zwar nicht immer erfolgreich und nicht immer ohne Schrammen, aber immer mit allen Gefährtinnen und Gefährten lebendig zurück zu kommen.

Rolfs Vorbild und Engagement war mir einige Jahre später auch Anlass, selber die Leitung der Jugendabteilung der Sektion Braunschweig zu übernehmen. Damit selber etwas Wertvolles weiterzugeben, was mir gegeben worden war. Und dabei ebenso wie er sehr wohl auch die Herausforderung von Klettern und Bergsteigen anzubieten, aber zugleich rüberzubringen, dass wir da in dieser faszinierenden Welt von Fels und Eis unserer Klettergärten und des großen Gebirges mit realen Gefahren umgehen. Und viel dazu zu lernen und zu üben haben und immer sehr vorsichtig vorgehen müssen. In der Praxis bedeutete die verlässliche Betreuung der Jugendlichen über 16 Jahre hin auch Verzicht auf manche eigene Tour. Aber es war zugleich pralles Leben. Ebenso wie bei den über 20 Alpenfahrten mit Schülern.

Als ein Verbot des gerade für alpines Klettern besten Übungsgebietes Hohenstein drohte, kämpfte ich natürlich mit in dem Team des Alpenvereins zur Verhinderung dieses Verbotes. Und als dies gelang, war ich dann Landesjugendleiter. Und um die Erfahrung reicher, dass wir auch an den Felsen von den gesellschaftlichen Entwicklungen eingeholt werden und uns auch unsere Freiräume politisch immer wieder verteidigen und erstreiten müssen. Überhaupt politisch mitdenken und mitreden müssen bei allen uns betreffenden Fragen. Und als Beauftragter des Alpenvereins für Klettern und Naturschutz wirkte ich dann für den Sektionenverband 48 Jahre lang in Niedersachsen für den Zugang zu unseren herrlichen heimatlichen Felsen. Dass mir nicht zuletzt dafür, angeregt vom engagierten Klaus Prenner, das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, fand ich vor allem deshalb gut, weil damit zugleich auch der gesellschaftliche Wert des Kletterns anerkannt wurde!

Über Jahrzehnte hinweg saß ich daneben in den Leitungsgremien des gesamten großen Deutschen Alpenvereins. Das zeigt übrigens, dass wir auch aus alpenfernen Sektionen an der Entwicklung des großen Bergsteigervereins aktiv mitwirken können. Wobei mir natürlich die über Jahrzehnte gelebte und am Berg in schwierigen Routen erworbene Fachkompetenz Autorität gab. Die ließ auch die Süddeutschen zuhören. Zumal die Alpinaktiven selber in diversen Gebirgsgruppen mit AV-Kletterführern aus der Feder dieses Norddeutschen unterwegs waren…

Der Alpenverein war mir so lebenslang ein Wirkungsraum. Und wenn nun auch diese eure Ehrung das noch einmal würdigt, so möchte ich doch das Wichtigste zu solchen ehrenamtlichen Tätigkeiten rüberbringen:

Das ist nicht nur Arbeit und Last. Es ist vor allem lebendiges Geben und Nehmen von Rat, Hilfen, Anpacken, Anerkennung. Es ist Anregung und verbindet mit ähnlich gesinnten Menschen und verwirklicht eine gute Idee und ist pralles Leben. Es ist Win-Win!

Bringt euch auch selber ein nach euren Fähigkeiten und Neigungen!

Nochmals Danke!

Euer Richard Goedeke

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 27. Juni 2022