Hochtourengruppe

Acht Tage in Oberfranken

Jens Köhler, Dagmar Rese

Im Frühjahr 2021 musste wegen des Lockdowns eine Weitwanderung im Bayerischen Wald abgesagt werden. Als Ersatz wurde im Oktober die Idee geboren, den Freistaat Bayern von Nordost nach Südwest zu durchqueren, den Anfang machte der Abschnitt durch Oberfranken. Die Strecke orientierte sich größtenteils am Fränkischen Gebirgsweg, bestand aber auch aus individuell geplanten Abschnitten, wo vor allem die unvorhersehbaren fränkischen Fahrwege (s.u.) für großes Vergnügen sorgten.

Alex, Klaus, Volker, Dagmar, Anja, Jens an der Weißmainquelle
Foto: Jens Köhler

Teilnehmer waren Anja H. Dagmar Rese, Klaus Schmalstieg, Alexander Fricke, Volker Metzger und Jens Köhler. Wir trafen uns in Blankenstein, dort, wo auch der Rennsteig beginnt. Unser Vorhaben war, über Helmbrechts, Zell, Neubau, Hintersteinach, Hummeltal, Körbeldorf und Spies nach Hersbruck an der Pegnitz zu wandern, insgesamt 200 Kilometer und 4.500 Höhenmeter. Es würde den Rahmen dieses Heftes sprengen, alle Erlebnisse dieser Mehrtageswanderung zu beschreiben, deswegen hier eine kleine Auswahl der besonderen Ereignisse, die sich vor allem Land und Leuten widmet.

Fränkisches Aussitzen: Haben wir zweimal erfolgreich in Münchberg und auf dem Ochsenkopf praktiziert. Während es draußen Bindfäden regnet, wird durch die kulinarische Anwendung von Weißwürsten und Brezeln die Stimmung verbessert und der Geldbeutel erleichtert.

Typischer fränkischer Fahrweg bei Püttlach
Foto: Jens Köhler

Fernsehen in oberfränkischen Hotelzimmern: Merke: Der Gast will eigentlich nicht fernsehen, denn er soll sich mit der Landschaft und Schäufele beschäftigen. Damit er das versteht, stelle man die Fernseher so hin, dass man sie eigentlich nicht verwenden kann, z.B. auf den Nachttisch, oder 5 Meter entfernt vom Bett. Um jeden Preis ist es zu vermeiden, dass die Bildfläche orthogonal zum liegenden Betrachter steht.

Fränkische Beschilderung: Die ansässigen Wandervereine markieren ihre Wanderwege in vorbildlicher Weise. Nicht zu verwechseln mit der Nummernbeschilderung in fränkischen Kleindörfern ohne Straßennamen.

Felsenkeller: In Münchberg und Weißenstadt konnten wir alte Lagerräume, die in die Hänge hineingebaut waren, bewundern. In Weißenstadt gingen die Treppen oft 3-4 Meter in die Tiefe, viele waren noch in aktiver Nutzung, und es gab sogar Luken in den Türen, damit Katzen zur Mäusejagd hineinkommen konnten.

Led Zeppelin: Wird vorzugsweise von Lamas bei Bronn gehört.

Orographie: Im Fichtelgebirge besuchten wir die Quellen von Sächsischer Saale, Naab und Main. Die europäische Hauptwasserscheide berührten wir natürlich auch.

Regenwetter: Konnte uns an zwei Tagen nichts anhaben. Absurd war, als die Flüsse in Bayreuth Hochwasser führten während der Wald am Brocken brannte.

Fränkische Fahrwege: Oftmals verliefen die individuellen Routen auf ihnen. Dies konnte in Oberfranken alles bedeuten: Wiesenpfad, Matschpiste, eingeschnittene Schlucht oder nur eine Richtung im Wald. Es wurde nie langweilig mit ihnen.

Am Wassersteintor bei Betzenstein
Foto: Jens Köhler

Eibgrat: Am südöstlichen Ende der Fränkischen Schweiz erhebt sich der Eibgrat in 600 Metern Meereshöhe und einer Länge von ca. 1500 Metern. In der Woche ist man am Nachmittag oft allein, während es an Wochenenden sehr voll werden kann. Zu fünft konnten wir diesen Grat in anregender Kletterer (je nach Wegwahl I oder II) kurz vor dem Etappenziel in Spies überkraxeln, bei allerbestem Frühlingswetter. Teamgeist: Nicht alle Teilnehmer konnten aus gesundheitlichen Gründen die gesamte Strecke laufen. Wir fanden aber eine Lösung, mit der am Ende alle zufrieden waren, und genaueren Details dazu widmet sich Dagmars Bericht:

Nach vier Tagesetappen schmerzte mein linker Fuß und war arg angeschwollen, sodass ich nach ca. 100 km die Wanderung abbrechen musste, da selbst der Versuch, das Problem weg zu ignorieren, fehlgeschlagen war.

Ab Bayreuth wollte Klaus seinen Füßen ebenfalls eine Pause gönnen. Wir nutzten den Tag, um mit der Bahn zurück zum Ausgangspunkt in Blankenstein zu fahren und eines unserer beiden dort geparkten Fahrzeuge zu holen, damit ich die Tour fahrend begleiten konnte.

Dank der abenteuerlichen Bahnfahrt, auf die an dieser Stelle näher einzugehen den Rahmen sprengen würde, trafen wir deutlich später in Hummeltal ein als die Wanderer.

Pause an Burg Hohenstein
Foto: Jens Köhler

Am Folgetag, der Etappe nach Körbeldorf, gesellte sich Volker zu uns in das Servicemobil. Auch einer seiner Füße wollte nicht mehr so recht, außerdem lag ihm eines der kürzlich eingenommenen Schäufele quer. Somit war die Gruppe leider nur noch mit halber Besatzung zu Fuß unterwegs. Wir Invaliden nutzten den Tag zum Eisessen und Einkaufen für die nächste Unterkunft für Selbstversorger. Auf dem Balkon der Ferienwohnung, die Füße hoch gelagert und mit Blick auf blühende Wiesen und Wälder, verkosteten Klaus und ich schon mal den Wein, während Volker an Kamillentee nippte. Die Weissagung eines Schankwirtes in Blankenstein, Kamillentee würde depressiv macht, konnte hier widerlegt werden.

Die längste Etappe von Körbeldorf nach Spies wanderte Volker wieder mit. Klaus und ich nutzten den sonnigen Tag, um uns die Gegend anzuschauen. An einem für Fußkranke idealen Fels kletterten wir ein wenig und kühlten anschließend unsere Füße im nebenan fließenden Bach. Zum mittäglichen Beifang trafen wir die Wanderer in Hüll, und Klaus ging mit leichtem Gepäck zu Fuß weiter. Ich fuhr zur nächsten Unterkunft, klärte mit der freundlichen Wirtin das Abendessen ab und machte es mir in ihrer sonnigen Laube gemütlich. Dank ihrer Mitteilsamkeit gestaltete sich mein Nachmittag sehr kurzweilig. Um nach ein paar Stunden doch noch die Ruhe des Waldes zu genießen, entschied ich mich dazu, den Wanderern in einem für mich völlig ungewohnten Tempo entgegen zu schlendern. Diese hätte ich kurz vor dem Ziel, Dank einer vom Jens geführten Abkürzung durchs Gestrüpp, fast noch verpasst.

Zielfoto in Hersbruck
Foto: Jens Köhler

Auf der letzten Etappe nach Hersbruck saß wieder Volker neben mir. Wir kamen zu dem Schluss, dass dicke Füße ansteckend sind. Von der Unterkunft aus hinkten wir, der eine rechts und die andere links, unseren eifrigen Wanderern wieder entgegen und kamen in voller Gruppenstärke am finalen Ziel an.

Auch wenn es arg schmerzte, die Wanderer jeden Morgen ihres Weges ziehen zu lassen, waren das Wiedersehen und die Abende bei leckerem Essen gesellig und überaus lustig. Unser enges und harmonisches Gruppengefühl wurde durch meine Abseitsrolle in keinster Weise getrübt. Und somit war diese Woche für mich ein sehr schöner Urlaub, auch wenn sie nicht wie geplant verlief.

Und das wunderschöne Land der Franken ist durchaus auch etwas für gemütlich gestaltete Urlaube.

(Jens' Detaillierter Tourenbericht)

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 27. Juni 2022