Sektion Braunschweig

" ... und kein Ende":

Mont Blanc du Tacul - Gervasutti-Pfeiler

Das hatten wir über diese Tour zwar schon vernommen, dass sie sich nach oben hin ein wenig in die Länge ziehen soll. Allgemein gilt der Gervasutti-Pfeiler als Vorbereitungstour für die ganz großen Touren im Mont Blanc-Gebiet, wie z.B. den Walkerpfeiler. Hieraus folgerten wir zwar nicht, dass der Gervasutti-Pfeiler einfach zu klettern ist. Dennoch hielt sich unser Respekt vorerst in Grenzen.

Ein kurzer Exkurs in die Mathematik sei an dieser Stelle einmal gestattet. Die folgende Aussage traf bisher für viele meiner Bergtouren zu: der Respekt vor einer Tour ist eine Funktion der zeitlichen und räumlichen Distanz zu der Tour in folgender Form:

Formel

wobei:

R Respekt vor der bevorstehenden Tour
x

(räumliche) Entfernung des Bergsteigers vom Einstieg

t

zeitlicher Abstand zum Beginn der Tour

Je näher der Zeitpunkt einer Tour rückt, und je näher man dem Einstieg kommt, desto mehr Respekt entwickelt man vor der Tour. Oder andersherum: beim winterlichen Tourenplanen für den Sommerurlaub hinter dem heimatlichen Ofen sieht alles recht harmlos aus.

Diese eher theoretischen Überlegungen sollten sich auch am Gervasutti-Pfeiler bewahrheiten.

Gervasutti-Pfeiler
Mont Blanc du Tacul mit Gervasutti-Pfeiler (Mitte) und Fritz (links)

Los ging's dann mal wieder in Chamonix auf unserem heissgeliebten "Les Rosieres", wo wir zwar schon mal wegen unerlaubten Duschens des Feldes verwiesen wurden, aber trotzdem immer wieder landen; der Blick auf den Dru und die Aiguilles ist einfach einmalig. Letzte Vorbereitungen endeten in einer halbtägigen Packorgie, denn wir hatten uns entschieden, auf dem Vallee Blanche zu kampieren - trotz meiner immer wieder geäußerten Bedenken, dass wir den Franzosen eine Namensänderung in "Vallee Brune" einfach nicht zumuten sollten. Wie sich dann im nachhinein herausstellte, hat man offensichtlich die Gefahr dieser Namensänderung erkannt und das Zelten auf dem Gletscher vernünftigerweise verboten.

Den dann folgenden, Montblanc-spezifischen Strapazen kann man nur mit größter Gleichmut begegnen. Schlange stehen zum Ticketkauf, Beruhigung von empörten Touristen über Steigeisen- und Pickelschrammen an Arm und Bein, unterdrücktes Entsetzen über die wieder gestiegenen Seilbahnpreise und letztendlich: in welche Richtung stelle bzw. setze ich mich denn nun, um den Blicken meiner Zeltnachbarn und den mit Zielfernrohren bewaffneten Aiguille du Midi-Touristen zu entgehen. Fritz, den diese Entscheidung besonders heftig quälte, machte sich auf zum Digital Crack...

Der Leser möge diesen etwas fäkalen Einstieg in die Welt der Montblanc-Abenteuer entschuldigen, aber es gäbe wahrlich mehr zu berichten. Allgemein beneidet wurden wir hingegen wegen unseres Weltempfängers, den ich mitgeschleppt hatte, um die neuesten Wetternachrichten zu hören. Zwischen diesen verkürzten uns Bob Marley und einige andere fröhliche Musikanten die heiße Wartezeit. Für den Abend des nächsten Tages waren Wärmegewitter vorausgesagt. Da wir aber dicht am Einstieg (ca. eine Stunde) zelteten, müsste es ein leichtes für uns sein - so kalkulierten wir -, bei einsetzender Helligkeit mit dem Klettern zu beginnen. Wir gingen deshalb davon aus, am Abend "durch" zu sein. Mehr Sorgen machte uns die schon seit längerem anhaltende, extreme Hitze dieses Sommers, die im gesamten Montblanc-Gebiet starken Steinschlag bedeutete.

Einstieg
Der Einstieg zum Pfeiler (Rinne ganz rechts)

Besonders bedrückend war die Beerdigung von mehreren Bergführern mit einem Zug der Särge durch Chamonix Die Faszination der Bergwelt, die wir so hautnah erlebten, der phantastische Blick auf " "unseren" Pfeiler und die Tatsache, dass es sich um eine Pfeiler-Führe handelte, in der der Steinschlag nicht gefährlich sein dürfte, verschafften uns den nötigen Auftrieb. Am Morgen starteten wir rechtzeitig, drei Uhr Wecker klingeln lassen, Kaffee, Müsli, vier Uhr los. Die noch nächtliche Gletscherwanderung ist immer wieder ein großes Erlebnis. Für einen Großstädter sieht der Sternenhimmel in den Bergen faszinierend aus, und immer fallen ein paar Sternschnuppen vom Himmel, die die altbekannten Wünsche freisetzen. Doch wie so oft bei meinen Touren, passierte erst einmal etwas Unvorhergesehenes: wir fanden den Einstieg nicht. Wenn wir uns auch das Jahr zuvor auf dem Weg vom Capucin zur Aiguille du Midi den Einstieg eingeprägt hatten, und ich auch sonst schon ungefähr 20 Mal an der Ostseite des Montblanc du Tacul entlanggegangen bin, kamen wir diesmal von Norden, und im Dunkeln zieht so mancher Pfeiler links vom Gervasutti-Couloir den Montblanc du Tacul hinunter. Als wir dann endlich auf einer Bergschrundkante hin- und her irrten, erkennend, dass wir zumindest in diesem und wahrscheinlich auch in sehr, sehr vielen anderen Jahren die ersten Menschen waren, die sich an dieser Stelle befunden hatten, mussten wir uns endlich eingestehen, dass wir uns verlaufen hatten. Was für großartige Bergsteiger wir doch waren. Folgende Konversation ging mir durch den Kopf:

Kletterei
Freie Kletterei am Gervasutti-Pfeiler

"Habt ihr den Gervasutti-Pfeiler geklettert?"
"Nein, nur versucht."
"Und wieso nur versucht'?
"Wir haben den Einstieg nicht gefunden."

Inzwischen war es hell und beim Abstieg zum Pfad begegneten wir einigen Franzosen, die zum Pilier Des Trois Points wollten und uns etwas besorgt und väterlich den Einstieg zum Gervasutti-Pfeiler erklärten. Nun erkannten wir ihn wieder. Ein wenig des Auftriebs kam zurück. Aber es war spät, halb sieben bereits, als wir uns die Kletterpatschen anzogen. Ich durfte die erste Seillänge führen. Der Weg war eindeutig, wenn auch glatt und vereist, es gab aber festsitzende Friends und Haken. Trotzdem war ich mir nicht sicher, wer mit wem wohin wollte. Ich mit dem Rucksack nach oben, oder der Rucksack mit mir in die andere Richtung. Meine Bedenken wuchsen jetzt sehr stark an (siehe obige Formel). Verstohlen schaute ich mich um, ob mich jemand beobachtete, um dann kurz (wirklich nur ganz kurz) in eine Schlinge zu greifen. Fritz tröstete mich ein wenig und klagte in den ersten Seillängen ebenfalls über den zu schweren Rucksack. Wir beneideten eine noch später einsteigende schwedische Seilschaft, die nur mit einem Rucksack für den Nachsteiger kletterte. Später auf einem der Standplätze klangen die beiden aber auch nicht begeistert über ihre Vorgehensweise.

Kletterei

Mit der Zeit gewöhnten wir uns an die Kletterei, viele Stellen waren echter Genuss. Der Briefkasten z.B. oder ein wunderschöner gelber Turm, parallele Risse und Verschneidungen, alles was das Herz begehrt. Rauher Mont Blanc-Granit, gut abzusichern, da kam Freude auf.

Gelber Turm verlaufen...
Ein gelber Turm
Auch auf einem Pfeiler kann man sich verlaufen
Wie bei Rebuffat auf S. 207


Die verschwand dann bei den technischen Seillängen wieder. Kampf und Willen mussten der Ästhetik weichen. Gott sei Dank waren es nur zwei. Ganz allmählich rann uns die Zeit durch die Finger. Hinzu kam noch, dass Fritz anfing, über Kopfschmerzen zu klagen, trotz einer halbwegs vernünftigen Eingewöhnung (eine Woche Touren von der Envers des Aiguilles-Hütte aus). Aber in der Schubert-Beschreibung näherten wir uns den letzten Sätzen, alle schweren Kletterstellen waren bereits überwunden, und zwei Seillängen in schattigem, nordseitigen Gelände führten uns an den Fuß des "Roten Turms". "Prima", dachten wir, "wenn das Wetter jetzt noch ein bisschen hält, ist die Sache so gut wie gelaufen."

Fragiler Turm aus der Nähe
Fragiler Turm von fern ...
... und aus der Nähe

Ausstieg
Kurz vor dem Ausstieg zum Couloir, oben rechts der rote Turm

Der Weiterweg sah allerdings alles andere als vielversprechend aus. Wir blickten in ein über und über vereistes Couloir. Um zum Einstieg dieses Couloirs zu gelangen, mussten wir abseilen zu einem der Ausläufer des "Super-Couloirs", 700 steiles Eis, ein paar Blöcke, keine Haken und Patschen an den Füßen. Vorbei war's mit der Granit-Kletterei. Die Schweden, offensichtlich nur mit Piola-Führer unterwegs, machten sich an die Ersteigung des "Roten Turms".Noch lange hallten ihre Seilkommandos durch die Rinnen. Das Couloir sah zwar schrecklich aus, ließ sich dann aber an seinem Rand prima klettern. Am Ausstieg aus dem Couloir dann ein echter Schock: kombiniertes Gelände soweit das Auge reichte, steil und endlos, kein Gipfel in Sicht. Das Abendgewitter war längst überfällig, genau wie unsere erste Pause, die wir uns jetzt aus Notwendigkeit und Verzweiflung gönnten. Ein leichtes Hagelschauer setze ein und wir querten in Patschen von Block zu Block. Steigeisen an, Steigeisen aus, gleichzeitig gehen oder sichern, Stand oder Zwischensicherung - schnell und trotzdem sicher ist immer die Devise. Fritz' Zustand bereitete mir zunehmend Sorgen. Sonst unbändig aufwärts stürmend, begnügte er sich damit, hinter mir her zu trotten. Hin und wieder murmelte er noch: "Ich kann aber auch mal führen. " Oder: "Wie weit ist es denn noch?" Sätze, die ich sonst aus seinem Mund noch nicht vernommen hatte.

Kombiniertes Gelände
Kombiniertes Gelände ohne Ende
Trotz alledem kamen wir gut voran. Wir querten das Couloir links vom "Roten Turm" und arbeiteten uns die brüchigen Platten hoch. Österreichische Freunde, die die Tour einen Tag nach uns kletterten, waren nicht so furchtsam in dem Couloir und pickelten sich bis zu dessen Ende nach oben. Sicherlich eine schnelle Lösung. Wir hingegen mühten uns weiter in den Felsen bergan. Die Tour wollte und wollte nicht enden. Tief unter uns konnten wir noch ein letztes Mal die Schweden ausmachen. Sie würden es mit Sicherheit nicht mehr im Hellen schaffen. Wir hatten noch Hoffnung, dem kalten Biwak zu entgehen.

Plötzlich hörte ich ein Klappern dicht in meiner Nähe. Ich sah meine Steigeisen das Couloir hinuntersausen. Ich hatte sie oben auf dem Rucksackdeckel in den dafür vorgesehenen Schlaufen befestigt und war im ersten Moment sehr erstaunt, im Zweiten dann entsetzt. Weiter oben sah man einen steilen Schneeausstieg, bestimmt 60°, wenn nicht mehr. Ich kletterte weiter, was blieb mir übrig. Da, wieder dieses Scheppern. Ich verstand die Welt nicht mehr. Mir waren doch eben beide Steigeisen abgefallen, wieso denn jetzt noch eins? Langsam dämmerte mir, dass beim erstenmal nur ein Steigeisen verlorenging, und jetzt eben das Zweite. Es wäre ein leichtes gewesen, das zweite Steigeisen neu zu befestigen. Fritz schaute mich ungläubig an, als ich versuchte, ihm den Vorgang zu schildern. Es war mir klar, dass ihn meine Verwirrtheit nicht gerade beruhigte. Allerdings bekam ich immer mehr den Eindruck, dass er aufgrund seiner sich ständig verschlimmernden Kopfschmerzen eine zunehmend gleichgültige (= mir ist alles scheissegal) Einstellung entwickelte. Den Schlusshang ohne Steigeisen zu überwinden, schien mir in dem Moment ein unüberwindliches Hindernis. Um meine Nerven ein wenig zu beruhigen, fragte ich Fritz, ob er seine Steigeisen mit mir teilen würde, und ob er den Ausstieg mit einem Steigeisen für möglich hielte. "Natürlich, wird schon gehen", war seine lakonisch-heilsame Antwort. Erstaunlicherweise war es immer noch hell, wir waren immer noch auf dem Weg zum Gipfel des Montblanc du Tacul und das Wärmegewitter hatte es sich anders überlegt.

Kombiniertes Gelände
Im kombinierten Gelände, dort wo es lang wird

Das einzige, was nun noch kommen sollte, war der "Crete de Coq" (Hahnenkamm; eine 15 Meter hohe, scharfe Kante, IV+/V n. Piola). Ich sah ihn und ebenso ein Quergangsseil nach rechts in eine Eisrinne. Da es am Ende dieses Turms "unschwierig" weiter zum Gipfel gehen sollte, meine Steigeisen weg waren und ich das Quergangsseil als feige Flucht betrachtete, machte ich mich an die IV+, denn schließlich waren wir doch Felskletterer, oder? Dass ich bereits 30 Meter Seil ausgegangen war, Plastiktreter an den Füßen und kein einziges Sicherungsgerät mehr am Gürtel hatte, dass die Dämmerung zu spüren und es bereits halb zehn war, das alles bemerkte ich erst, als ich mich 10 Meter über dem letzten Absatz befand, vor mir ein wunderschöner Riss zum "legen" und unter mir 400 senkrechte Meter. Mal wieder musste ich akzeptieren, dass es so nicht ging. Irgendwie schaffte ich es, wieder abzuklettern. Fritz meldete sich von unten, auch in seiner Stimme jetzt ein Anflug von Verzweiflung. Ich konnte ihn nur zu gut verstehen, dass war der größte Mist, den ich seit langem (oder vielleicht seit dem morgendlichen Verhauer?) verzapft hatte.

Der Quergang sah hässlich aus, nach mehrmaligem Probieren kam ich hinüber und kletterte auf den Gipfel des "Crete de Coq"-Turms, da es von dort ja "unschwierig" zum Gipfel gehen sollte. Fritz konnte endlich nachkommen, für ihn muss das eine Ewigkeit gedauert haben. Der "unschwierige" Weiterweg erwies sich als ein Abseilen zum Beginn des steilen Ausstiegsschneefeldes. Die Dunkelheit kam merklich näher. "Jetzt nur nicht leichtsinnig werden", jagte es mir immer wieder durch den Kopf. Seilgewirr, Keile, da, ein rettender Haken unter dem Schnee, mit größtmöglicher Sorgfalt wurde die Abseilstelle eingerichtet. Ohne Sicherung kamen wir am Ausstieg der Tour vor einem 50 Meter hohen, 60° steilen Schneehang an. Die Dunkelheit war da, und meine Befürchtungen steigerten sich noch einmal sprunghaft. Um mir Mut zu machen, klopfte ich Fritz auf die Schulter und sagte mehrfach, dass wir es jetzt schaffen würden.

Aber nur noch das Anziehen des Steigeisens war heikel. Die Tritte im Hang waren ausreichend, und sofort kam die Zuversicht wieder. Nach einigen Minuten waren wir auf dem Gipfel des Montblanc du Tacul. Die Freude war unbeschreiblich, aber still. Sterne glitzerten wieder, und die Lichter von Chamonix waren nah, erreichbar.

Der Abstieg war dann wenig ruhmvoll. Immer wieder stolperten und rutschen wir, das Hochrappeln war qualvoll. Auch war es gar nicht so einfach, ein Zelt unter 100 auf dem Vallee Blanche zu finden, besonders dann nicht, wenn man bei jedem Schritt bis zum Knie einsackt. Aber was machte das schon, es war nur der Körper, der aufbegehrte, im Herzen war eine große Freude.

 

Aus dem Zelt

Alfred Punke, geschrieben Dez. 92 geklettert Juli 1992 zusammen mit Fritz Eichler

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 11. Januar 1992